"Kein pädagogischer Hokuspokus!"

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BZ-INTERVIEW mit Timeout-Geschäftsführer Daniel Götte über das neue "Timeout College" und den Umbau des Thurnerwirtshauses.

Von Thomas Biniossek; in BADISCHE ZEITUNG vom 07.02.2019

BREITNAU/ST. MÄRGEN. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung "Timeout" wurde vor 17 Jahren in Breitnau gegründet. Derzeit wird der Standort Thurnerwirtshaus umgebaut und die Trägerschaft des Waldkindergartens in Hinterzarten wurde übernommen.
Nun richtet sich das neue Angebot "Timeout College" an interessierte Erwachsene. Über die neuen Entwicklungen sprach Thomas Biniossek mit Timeout-Gründer Daniel Götte.

BZ: Sie haben ein neues Angebot, in dem Sie Erwachsenen erklären wollen, wie man mit Jugendlichen umgeht. Was ist das für ein Angebot?

Götte: Das Angebot richtet sich an alle Interessierten hier aus der Umgebung, weil ich denke, unsere Arbeit ist keine Privatsache, sondern wir erbringen hier eine Leistung, die transparent sein soll. Jeder soll wissen, was wir hier tun. Also keinen pädagogischen Hokuspokus, sondern eine ganz fundierte Arbeit, die jeder verstehen kann. So laden wir die Menschen ein, um zu zeigen, was wir hier eigentlich machen.

BZ: Wer genau ist gemeint?

Götte: Alle Interessierten. Nicht nur diejenigen, die Schulverweigerungskinder haben, sondern wirklich alle, die Interesse haben und unsere Arbeit kennenlernen wollen.

BZ: Sie bauen das Thurnerwirtshaus um. Ist das eine Idee für die Zukunft und was wird hier zukünftig stattfinden?

Götte: Hier wird zunächst ein riesengroßer Umbau stattfinden, in dem wir im Moment voll drinstecken. Wir wollen das Wirtshaus hier erhalten, unbedingt. Es wird in einem anderen Kleid wiedereröffnet. Wir haben hier eine Schule beheimatet, die im Moment noch stark an der Schule in Breitnau hängt, aber auch einen starken Eigencharakter entwickeln darf. Wir planen hier eine soziale Landwirtschaft, ähnlich wie in Breitnau, die die Sinnzusammenhänge für Kinder und Jugendliche erschließen soll. Aber auch für alte Menschen. Wir haben ein großes Problem in unserer Gesellschaft, dass die alten Menschen nicht mehr dazugehören zur Lebenswelt, zur Lebenswirklichkeit der jungen Menschen. Und da geht unglaublich viel an Dingen verloren, die die Jugendlichen unbedingt brauchen.

BZ: Das heißt, Sie stellen sich breiter auf?

Götte: Wir stellen uns tatsächlich breiter auf. Wir denken auch darüber nach, eine Käserei am Thurner anzusiedeln, um uns hier im ländlichen Raum auch mal mit der Landwirtschaft zu vernetzen und zu verflechten.

BZ: Sie haben neben der Jugendhilfe auch das Standbein Kultur. Warum das?

Götte: Kunst und Kultur ist vielleicht eine der wichtigsten Säulen, die heute jungen Menschen erschlossen werden soll, damit sie in einer Welt zurechtkommen, in der Arbeit einen unglaublichen Umbruch erlebt. Arbeit ist nicht mehr dafür da, dass man überlebt. Und in dieser Welt braucht es Dinge und Werte, an denen man sich festhalten kann. Nichts ist geeigneter als Kunst und Kultur, um diese Werte wirklich lebendig zu machen. Und so laden wir auch immer alle Interessierten dazu ein, teilzuhaben am Kulturprogramm auf dem Thurner oder auch in Breitnau. Es wird auch im März wieder etwas stattfinden, Dagmar Schönleber kommt.

BZ: Ihnen gehen die Ideen offensichtlich nicht aus.

Götte: Nein, es ist eher das Problem, zu viele Ideen umsetzen zu wollen. Man muss das kanalisieren. Es sprudeln die Ideen. Und das Schöne ist bei mir und meinen Mitarbeitern im Unternehmen, wir fördern eine Kultur, dass sich vieles entwickeln darf und freuen uns über alle Initiativen.

BZ: Planen Sie außer dem Umbau im Thurnerwirtshaus Neues? Wissen Sie, wie es weitergeht?

Götte: Ja, ein ganz großer Schwerpunkt wird dann die Altenhilfe sein und vor allem die Vernetzung von Alten- mit Jugend- und Kinderhilfe. Das ist eine Idee, die bereits seit längerem in unserem Unternehmen wächst. Gerade auch ältere Mitarbeiter entdecken natürlich, obwohl sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, das Älterwerden. Und was ist mit den Millionen alter Menschen, die verloren in ihren Wohnungen sind und den Lebenssinn nicht mehr spüren können? Und die jungen Menschen nicht mehr sehen, weil sie nicht mehr aus ihrem Haus, ihrer Wohnung kommen können. So wollen wir ein Modell entwickeln, bei dem sich Jung und Alt begegnen dürfen, wenn sie wollen. Also nicht ein Mehrgenerationenprojekt, wo alles unter einem Dach stattfindet, sondern ein Ort, an dem alles sein darf und Begegnung stattfinden darf, aber nicht muss.


Daniel Götte (Jahrgang 1971) gründete zusammen mit seiner Frau 2002 die "Timeout Kinder- und Jugendhilfe gGmbH". Götte besuchte zunächst die Waldorfschule in Freiburg, um nach dem Abitur Germanistik und Neuere Geschichte zu studieren. Er brach das Studium jedoch ab und absolvierte eine Landwirtschaftslehre. Auf einem Demeterhof baute er eine Käserei auf, ehe er Lehrer an einer Waldorfschule war. Er hat sieben Kinder, lebt mit seiner Familie in St. Peter.

Die Teilnahme ist kostenlos; Anmeldung bei Katrin Veigel-Götte, Tel. 07652/9196210 oder k.veigel-goette@timeout.eu