Respekt auf ganzer Linie

Erstellt von mhs | |   Presse

Kabarettistin Dagmar Schönleber findet bei ihrem Auftritt die richtigen Worte.

Text & Foto: Thomas Biniossek; in: BADISCHE ZEITUNG vom 7. März 2019

ST. MÄRGEN. "Respekt" heißt das Programm von Dagmar Schönleber. Respekt vor der Leistung der Kabarettistin, die mal bissig, mal scharfzüngig, mal belehrend das Publikum im Thurnerwirtshaus begeisterte. Das war ein vergnüglicher Abend, bei dem es viel zu lachen, aber auch manches zu schlucken gab, weil die 45-Jährige vieles komödiantisch, aber geistreich zum Thema "Respekt" zu berichten wusste.

Die auf Einladung der Kinder- und Jugendhilfe Timeout aus Hamburg in den Hochschwarzwald angereiste Dagmar Schönleber nahm die gut 30 Gäste von Anfang an mit auf eine spannende Reise, auch wenn der Einstieg mit dem "Kennenlernen" des Sitznachbarn – "ich sag mal, erste Reihe, mutig" – noch etwas verkrampft daherkam. Doch mit dem Satz "Hier drinnen ist alles gut, aber da draußen ändert sich was" nahm sie diese Veränderungen in Natur, Gesellschaft und Nationen gekonnt unter die Lupe. "Klimawandel, Ausländerfeindlichkeit, Winterschlussverkauf – es ändert sich was". Und woran liegt das? "Zuerst natürlich an den anderen."

Mit dem respektvollen Umgang mit anderen sei es wie mit dem Schlanksein, "die Hälfte der Deutschen ist dick". Und der Begriff des Respekts werde zudem revolutionär verwendet, selbst der Baumarkt werbe damit: "Respekt, wer’s selber macht". Auch der Weltfußballverband habe eine Respekt-Kampagne gestartet, was paradox sei, denn schließlich sei die FIFA ein Verein, der Millionen Euro scheffle und von Korruption geschüttelt werde. "Das ist, wie wenn Heckler und Koch eine Kampagne starten würden unter dem Motto: keine Waffengewalt auf der Welt".

Pointiert verdeutlichte die Kabarettistin anhand von vielen Beispielen, bei denen sie sich selbst nicht ausließ, wie respektlos vor allem auch in den sozialen Medien die Menschen miteinander umgehen. Da habe Claudia Neumann als erste Frau kompetent über ein Champions-League-Spiel berichtet. Ein Sturm der Entrüstung sei gefolgt. "Die gehört doch nicht in ein Stadion, die gehört in die Küche", sei dabei noch einer der harmlosesten Kommentare gewesen. "Nur wegen des falschen Geschlechts null Respekt", meinte Dagmar Schönleber und merkte nahtlos an, was auch im Fernsehen falsch laufe. "Germany’s next Topmodel – so lange Beine und nur Rückschritte."

Die in einem Kaff in Ostwestfalen-Lippe geborene Kabarettistin – "die nächste größere Stadt ist Bielefeld" – überzeugte auch bei den eingestreuten, selbst getexteten Liedern, die sie mit der Gitarre begleitete, und bei den kleinen Sketchen, in denen sie beispielsweise den Werdegang eines Paars vom Verliebtsein bis in Alter der Gleichgültigkeit und Entfremdung beleuchtete. Und sie blieb sich selbst treu, war bissig, ohne mit ihren Geschichten unter die Gürtellinie zu rutschen. "Volle U-Bahn. Eine Oma kommt herein. Ich mache ihr Platz. Sagt die Oma: Hast du gut gemacht mein Kind. Sieg heil."

Wunderbar rechnete sie mit der Popmusik ab, nahm die schrägen Texte von Max Giesinger und Wincent Weiss unter die Lupe und ließ auch an denen von Mark Forster kein gutes Wort. Und sie ließ dem ein Gedicht folgen, das für viel Erheiterung sorgte. "Wer bitte will als gestresste Frau von Konfetti überschüttet werden?", fragte sie dabei und gab die Antwort selbst: "Niemand. Wichtiger wäre, wenn der Partner mal sagen würde, ich putz’ das Haus oder ich räum’ die Spülmaschine aus."

Doch Dagmar Schönleber, die auch einen Exkurs in die Geschichte des Respekts von der Steinzeit bis zu den 68-Jahren anführte, wies nicht nur auf Respekt-Probleme unserer Zeit hin, sondern gab viele gute Ratschläge, machte Mut, so wie Kinderliedermacher Ralf Zuckowski das gemacht hat: "Du schaffst das schon, Du machst das wirklich gut", sang die Hamburgerin und lud das Publikum ein, diesen Refrain ebenfalls als "Mach-Mut-Geschichte" mitzusingen.

Etliche Ein- und Ausblicke, einige Lieder und Spieleinlagen später nahm Dagmar Schönleber noch die Politik in den Blick. "Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als keiner regieren wollte?" und riet den Politikern zu vertikalen Erfahrungen. "Jens Spahn sollte doch einmal zwei Wochen in einer Klinik arbeiten", meinte die Kabarettistin. Und AfD-Oppositionsführerin Alice Weidel könne sich doch einmal sechs Wochen in einem Asylantenheim einquartieren. "Das ist sicherlich nicht einfach..." – Kunstpause "... für die Flüchtlinge." Mit dem umgetexteten Georg-Danzer-Song "Freiheit kann nur in Freiheit Freiheit sein" und einem Lied mit einem Appell an die Verteidigung der freiheitlichen Demokratie als Zugabe beendete die Kabarettistin diesen Abend. Chapeau.