ZWISCHEN KINDERGARTEN UND GRUNDSCHULE

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Eine Waldgruppe für Kinder, die von der Einschulung zurückgestellt wurden. - Nicht alle Kinder sind mit sechs Jahren schon reif für die Schule. Die Waldgruppe "Eichbergkinder" in Freiburg-Littenweiler ist für jene da, die etwas mehr Zeit brauchen – und die können sie in der Natur verbringen.

von: Anita Rüffler, BADISCHE ZEITUNG vom 24. Mai 2017

Affengleich turnt der "Mathematiklehrer" an einem Ast. Er heißt eigentlich Mathes und hat damit seinen Spitznamen weg. Mathes wird gebraucht: Es gibt viel zu tun an diesem Vormittag: Ein Riesenhaufen Holzschnitzel muss verteilt werden. Der Förster hat sie ihnen auf dem Platz vor den beiden Bauwagen abgeladen. Ihn kennen sie gut wie die Jäger und Waldarbeiter, die manchmal vorbeikommen. Wie sie haben Mathes und 14 weitere Kinder ihren "Arbeitsplatz" im Wald. Wenn man von St.Barbara in Littenweiler den kleinen Waldweg weiterläuft, sieht man schon von Weitem die vielen bunten Rucksäcke leuchten, die exakt in einer Reihe an einem Bauwagen hängen.

Wer noch nicht für die Schule reif ist, braucht mehr Zeit

Die "Eichbergkinder" sind ein 2013 gegründeter Ableger der Waldorfkita "Kleine Linde". Seit Anfang April dieses Jahres hat die in Breitnau ansässige stationäre Jugendhilfeeinrichtung Timeout die Trägerschaft für die Waldgruppe übernommen. Für Hubert Schwizler von der schulischen Leitung eine konsequente Erweiterung der Timeout-Philosophie auf eine jüngere Altersgruppe: "Niemanden in dieser Gesellschaft zurücklassen!" Während in Breitnau jugendlichen Schulverweigerern wieder auf den rechten Weg verholfen werden soll, sollen angehende Schulanfänger in Freiburg ihn gar nicht erst verlieren. Dem Kindergartenalter eigentlich entwachsen, aber emotional und sozial noch nicht reif für die Schule, soll ihnen am Eichberg ein Jahr Zeit zur Nachreifung gegeben werden. Erzieherin und Kinderarzt stellen dafür eine Empfehlung aus. Viele Eichbergkinder feiern denn in diesen Tagen auch schon ihren siebten Geburtstag.
"Die Schulen nehmen sie noch nicht", erklärt Waldgruppenleiterin Rosemarie Bleckmann, die das pädagogische Konzept entwickelt hat. "Viele Kitas sind überfordert, sie ein weiteres Jahr zu fördern." Sie ist der Stadtverwaltung dankbar, dass fünf Plätze (wie für Inklusionskinder) doppelt angerechnet werden, sodass die Gruppengröße auf 15 beschränkt bleibt, ohne dass Zuschüsse verloren gehen.
Levi sitzt auf einem der im Kreis angeordneten Holzklötze und übt, seine Schuhe zu binden. Um ihn herum wuseln wie ein Ameisenhaufen die anderen. Im Nu haben sie sich Gefäße organisiert – rote und weiße Eimer, Schüsseln, Plastikkisten – die sie mit Holzschnitzeln befüllen. Erstaunlich, wie sich in kurzer Zeit ein System herausbildet: Die einen schaufeln, die nächsten schleppen, die anderen verteilen das nach Fichte duftende Material auf dem sonnenbeschienenen Platz. Rafael und Johanna machen eine Führung über das weitläufige Gelände, das sich unterhalb eines glatten Steilhangs fortsetzt.

Vielseitige Erfahrungen stärken die Kinder

Hier wird niemand in Watte gepackt. Geschickt wie die Gemsen spurten einige hinterher. Johanna kommt nicht weit: Sie findet eine Ameisenstraße. Rafael führt derweil stolz die von den Kindern gebaute Sitzbank vor und lädt zum Probesitzen ein. Am Rand des Geländes ist eine Tannenhütte im Werden, die ein Praktikant der Erziehungswissenschaften mit ihnen baut. Serafina hat einen Wutausbruch, als einige Jungen sie daran hindern, an einem Tipi hochzuklettern. Sie braucht lange, bis sie sich wieder beruhigt: Sie hat einen Ast gefunden, der sich zum Buchstaben V gegabelt hat. Sie muss nur an einem Ende noch ein wenig absägen.
Selbstwirksamkeit erfahren, alle Sinne pflegen, Geschicklichkeit, Kreativität und Feinmotorik schulen: Die Natur wird den Kindern zum Lehrmeister, begleitet von den Erzieherinnen und wechselnden Praktikanten. Wohlige Wärme empfängt, wer den linken Bauwagen betritt: ein Ofen, viel Holz, gemütliche Sitzgelegenheiten. In einem Korb eine Ansammlung bunter Wollknäuel. Jemand hat mit Fundstöckchen aus dem Wald eine Webarbeit angefangen. Drei kleine Ziegen, aus Wolle gewickelt, werden zu Hauptdarstellern eines Puppenspiels.
Donnerstags in der Schnitzschule werden Reste eines Weihnachtsbaums zu originellen Kleiderhaken und innen hohle Holzstücke aus Holunder zu Griffen für Hüpfseile verarbeitet. Im kuscheligen Bauwagen nebenan, der als Küche und Aufenthaltsraum dient, schmiert "Bufdi" (Bundesfreiwilligendienst) Sunna Jäger derweil Butterstullen als Wegzehrung für den baldigen Abstieg hinunter ins Tal. Jeden Morgen, bei jedem Wetter, stapfen die Kinder schon eineinhalb Stunden den Berg hoch: Ihr Weg ist das Ziel. Am Ende des Kitajahres werden auf einen Schlag alle Eichbergkinder die Gruppe verlassen, reif für die Schule.

Eichbergkinder

Die Gruppe ist seit ihrer Gründung in die Bedarfsplanung der Stadt aufgenommen und wird auch nach dem Trägerwechsel wie alle Kitas nach den Freiburger Richtlinien gefördert. Die Betreuungszeit ist von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr. Die Anmeldung erfolgt über das Vormerksystem der Stadt. Die Elternbeiträge liegen bei monatlich 165, ermäßigt 120 Euro. Für das kommende Kitajahr sind noch drei Plätze frei (Stand: Anfang Mai).