Tanztheater "move!"

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Jugendliche zeigten beim Tanztheater "move!" Geschichten von Krieg, Flucht und Ausgrenzung.

Auch ein junger Heranwachsender unserer Außenwohngruppe in Neustadt tanzte bei dieser Performance am 3. und 4. Juni im E-Werk Freiburg mit ...

von Constantin Hegel, Badische Zeitung vom 1. Juni 2017:

Ein Kellerraum unter dem Kepler-Gymnasium im Freiburger Rieselfeld. Tanzparkett, ein wandgroßer Spiegel. Gelächter mischt sich mit dröhnendem Elektro-Beat. Dann Stille. "Nochmal die Straßenbahnfahrt!", ruft Islam Seddiki. Der Tanzlehrer steht auf und dirigiert seine siebenköpfige Truppe in Position. Die meisten Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren, die beim Tanztheater "move!" mitmachen, haben Fluchterfahrung. Auf dem Parkett kreisen sie um einen Jungen in ihrer Mitte, der seine Hand beschämt vors Gesicht hält. Sie werfen ihm vorwurfsvolle Blicke zu. "Was denken sie von mir? Ich bin nicht Terror", hallt es in gebrochenem Deutsch aus dem Erzähler-Off.

Ausgrenzungserfahrungen haben die meisten aus der Gruppe gemacht. Das weiß auch Seddiki, der selbst als Flüchtling aus Algerien nach Deutschland kam. Nicht nur schiefe Blicke sind ein Problem. Auf die Frage, ob das der richtige Bus sei, bekommen sie oft keine Antwort, berichtet der 24-Jährige, der sich das Tanzen selbst beigebracht hat. Er ist für die Jugendlichen erster Ansprechpartner – denn er kann Arabisch. "Die Motivation für mich war, dass sie jemanden haben, den ich früher nicht hatte", erzählt Seddiki.Für Musik und Text des Stücks sind Janosch Jehle und Richard Geier verantwortlich. Die beiden Studenten sind im Flüchtlingsprojekt "The Shelter" des Jugendzentrums Weingarten tätig, aus dem die Idee für das Tanztheater entstand. Mit selbst produzierten Beats unterlegen sie die Erzählerstimme. Diese besteht aus Interviewschnipseln, die sie im Vorfeld mit Flüchtlingen geführt und aufgezeichnet haben. Aus den Erzählungen spannt das Stück den Bogen von Kriegserfahrung und Flucht bis nach Deutschland – ausgedrückt in Tanz.

Seit dem ersten Auftritt der Gruppe Ende Februar im ausverkauften E-Werk haben Jehle und Geier das Programm überarbeitet. Aufenthaltsgenehmigungen sind dabei unweigerlich zum Thema geworden. Eine Szene ist einem zehnjährigen Jungen gewidmet, der mittanzte, aber dann zusammen mit seiner Mutter ausgewiesen wurde. Über Freunde im Heim haben Geier und Jehle davon erfahren. Wirklich nachvollziehbar, meinen sie, war das nicht. "Man merkt halt auch, was für eine Willkür irgendwo dahinter- steckt", sagt Jehle.

Es könne auch vorkommen, dass Geflüchtete kurzfristig in einem anderen Heim untergebracht werden. Trotzdem seien die Jugendlichen unglaublich motiviert, sagt Geier. Dreimal in der Woche trainieren sie drei bis vier Stunden. Einer der Tänzer fährt dafür eigens aus Titisee-Neustadt nach Freiburg.

Bei der Zusammenarbeit lernen die jungen Leute nicht nur das Tanzen. In den Proben wird fast ausschließlich Deutsch gesprochen. Nach einem Jahr können sich Jehle und Geier problemlos mit ihnen unterhalten. Dieser direkte Kontakt steht beim Projekt im Vordergrund. Hinzu kommt die Abwechslung in einem von Langeweile bestimmten Alltag im Flüchtlingsheim. "Eigentlich wollen alle beweisen, dass sie was können", sagt Jehle. Das gilt für Jungs und Mädchen gleichermaßen, die hier zusammen tanzen. Probleme mit traditionell muslimischen Eltern gab es dabei nie.

Nicht nur der Ernst des Krieges und der Flucht werden Thema des Theaterabends sein, auf der Bühne ist auch Platz für Humor. So lernen die Geflüchteten in einer Szene auf dem Amt den scheinbar deutschesten Satz überhaupt: "Bitte ziehen Sie eine Nummer und nehmen Sie im Wartesaal Platz."