Warum sich Investitionen in Kindergärten besonders lohnen

Erstellt von mhs | |   Presse

Willenskraft und Selbstkontrolle sind lernbar und das Wichtigste im Leben, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer. Dafür müssen Kinder ins Grüne. Kunst, Musik und Sport hält er für die bedeutendsten Schulfächer.

aus: Luzerner Zeitung vom 3. November 2017

Intelligenz ist das eine, aber es gibt noch eine Voraussetzung dafür, wie ein erfolgreiches Leben gelingen kann. Das sagt der renommierte Gehirnforscher, Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm Manfred Spitzer. Er spricht von Willenskraft und Selbstkontrolle. Und daran könne der Mensch selbst arbeiten.

In einer Studie wurden jungen Männern «schöne Videos» gezeigt – mit Reizen, die Spitzer nicht speziell beschreiben will. Die erste Testgruppe durfte die Bilder einfach geniessen. Die zweite erhielt den Auftrag, den Reizen nicht zu unterliegen. Dieses Experiment zeigte im Hirnscanner, dass es möglich ist, seine gereizten Emotionen willentlich zu bremsen. Der Mensch hat die Möglichkeit, autonom zu sein, seine Willenskraft zu stärken und Selbstkontrolle zu fördern. «Und wenn ein Kind das gut kann, kann es das vierzig Jahre später immer noch», sagt Spitzer.

Kinder müssten in dieser Hinsicht gefördert werden. «Wer als Kind konzentriert sein kann, sich gut im Griff hat und über Selbstkontrolle verfügt, hat später viele Vorteile», sagte der Hirnforscher diese Woche im Rahmen einer Unicef-Tagung im Weiterbildungszentrum der Universität St. Gallen zum Thema «Kinderfreundliche Lebensräume». Je mehr Selbstregulation einem Kind möglich sei, desto weniger sei es als Erwachsener krank, «hat bessere Zähne» und verdiene auch mehr, sagt Spitzer. Die Fähigkeit zur Willenskraft sei lernbar, so wie ein Mensch eine Sprache lernen müsse.

Gefordert ist das Frontalhirn, doch sei dieses nach der Geburt noch nicht «online». Das Kind habe zwar Reflexe, aber die höheren Areale des Hirns seien noch nicht verbunden, um ein willenskräftiger, selbstbestimmter Mensch zu sein. «Hält man einem Dreijährigen eine Glace vors Gesicht, wird es sich darauf stürzen. Nur ein Erwachsener ist fähig, an seine Figur zu denken und zu verzichten», sagt Spitzer. Umso mehr wir unser Hirn benutzen, desto mehr bilden sich die für die Willenskraft nötigen Nervenverbindungen.

In den Kindergarten investieren lohnt sich

Ein Hirn könne nicht überladen werden. «Je mehr Sprachen ein Mensch spricht, desto leichter lernt er eine neue.» Dass nun von einigen behauptet werde, «Digital Natives» verlagerten einen Teil ihres Wissens aus dem Hirn in eine Cloud, hält Spitzer deshalb «für einen völligen Blödsinn». «Alles was man nicht lernt, erschwert das Lernen. Ein Hirn wird nicht voll, nur dessen Leere ist ein Problem.» Wir verfügen über 100 Milliarden Nervenzellen, die dafür sorgen, dass sich das Hirn dauernd verändert, wenn es benutzt wird.

Doch wo und wie Kinderhirne fördern? Spitzer erwähnt eine grosse Studie, in der man berechnet hat, wo sich der Dollar in der Bildung am meisten rechnet: Im Kindergarten. Und zwar am besten mit Handlungen, die Kindern Freude machen. «Ein Lied zu singen im Kindergarten ist eine Superidee. Oder einen Kuchen backen. Das ist wissenschaftlich bewiesen.» Kinder lernen so zuzuhören und die Fähigkeit, etwas im Kopf zu behalten. Deshalb seien Musik, Sport, Theaterspiel und Kunst die wichtigsten Fächer in der Schule. «Das können Sie im ‹Science› nachlesen», sagt der Hirnforscher. «Freude, Selbstvertrauen, soziale Bindung. Das bringt’s. Und das muss draussen, im Freien stattfinden», sagt der Hirnforscher. Spitzer erwähnt eine Studie, mit der belegt wurde: Je grüner gestaltet eine Wohnumgebung ist, desto weniger Kinder leiden dort unter Aufmerksamkeitsstörungen ADHS, der Blutdruck der Kinder ist tiefer wie auch der Cortisolspiegel im Blut.

Kinder müssen nach draussen

«Viele unterschätzen die positive Wirkung von Naturberührung. Im Freien, nicht digital.» Doch dagegen wirke der grösste Freiheitskiller für Kinder, den es heute gebe: das Smartphone. «In jedem Alter des Kindes erzeugt dieses Gerät Störungen.» Den Kleinen mache es Schlafstörungen, den Älteren raube es die Wörter aus dem Gehirn.