Es braucht mehr "Straßenkinder"

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Förderung der Autonomieentwicklung von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum - Ergebnisse einer UNICEF-Tagung in St.Gallen/CH

aus: Luzerner Zeitung vom 3. November 2017

In den ersten zwei Lebensjahren bauen Kinder über die Bindung zur Mutter das Urvertrauen auf. Im Alter von vier trauen sie sich erstmals alleine nach draussen. «Dann brauchen Kinder Räume, die sie entdecken können. Sie müssen sich verstecken und mit Kreide auf die Strasse malen können. Sie verlangen nicht nach vorgefertigten Spielplätzen», sagt die Architektin und Psychologin Martina Guhl an der Unicef-Tagung in St.Gallen. Autonomie sei wichtig: «Früher kamen Kinder erst nach Hause, wenn es dunkel war. Die Eltern hatten keine Ahnung, wo sich der Nachwuchs aufhielt. Es gab keine Handys», sagt Guhl. Heute eine Unmöglichkeit. Draussen frei und unbeaufsichtigt zu spielen, sei aber ein Grundbedürfnis jedes Kindes, das fördere kognitive und psychosoziale Funktionen. «Kinder wollen selbst forschen, sie brauchen dazu nur Raum. Spiele erfinden sie selber.»

Der öffentliche Raum war ein Abenteuerspielplatz

Das bestätigt Baldo Blinkert vom Freiburger Institut für Sozialwissenschaften. «Wir brauchen mehr Strassenkinder, so wie ich eines war in den 1950er-Jahren.» Es habe keine Spieltherapien, dafür aber viele Freiräume gegeben. Die städtischen Räume seien abenteuerlich gewesen, der Streit mit den kinderunfreundlichen Nachbarn aufregend. «Heute würden wir als auffällig diagnostiziert», sagt Blinkert. «Es ist wichtig, dass Kinder draussen unbeaufsichtigt spielen können. Dafür ist aber die Qualität im Wohnumfeld entscheidend», sagt Blinkert. Die These sei widerlegt, dass moderne Kinder kein Interesse hätten, draussen zu spielen. Aber sie müssten die Möglichkeit dazu haben. «Naturerfahrung ist eine Stärkung fürs Leben», ergänzt Martina Guhl. Der Sportclub sei auch wichtig, er sollte aber nicht die einzige Möglichkeit der Entfaltung sein. «Auch Kontakt zu Tieren gehört dazu», sagt Guhl. Sowie Nischen und Rückzugsräume für die Kinder. Das sei bedeutsam für die Planung der Siedlungen. Heute ist das an vielen Orten nicht so einfach: Übereifrige Bauamtsangestellte brechen von Knaben gebaute Baumhütten ab – oft herrsche eine übertriebene Hauswartmentalität, sagt Guhl. Die Kinder leben und dreckeln lassen, sich auch mal weh tun können, sich die Welt zu eigen machen. Das verhindere Vandalismus und steigenden Medienkonsum.

«Zuviel Konventionierung, zu wenig Dreck», bestätigt Sozialarbeiter Manuel Fuchs von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Oft liege der Fokus auf negativen Aspekten, wenn es um Jugendliche gehe. Wenn diese beim Freunde treffen lärmten, führe das zu Missverständnissen zwischen den Generationen. Doch Herumhängen und Blödeln seien typische Verhaltensweisen der Jugendlichen, welche dafür Freiräume bräuchten. Es müsse für alle ein Recht auf Strasse geben. Blinkert erzählt von einem Projekt in Deutschland, bei dem man alle Spielplätze zurückbauen wollte, um sie verwildern zu lassen und den Kindern zu überlassen. «In dieser Radikalität wurde das Projekt zwar nicht verwirklicht, aber es entstanden trotzdem interessante Spielorte», sagt Blinkert.