Infobrief des Deutschen Ethikrats

Erstellt von mhs | |   Presse

Die Timeout Jugendhilfe nahm auf Einladung des Deutschen Ethikrates an einer Anhörung über „Wohltätiger Zwang" in Psychiatrie, Kinder- und Jugendhilfe sowie Pflege und Behindertenhilfe teil, die im Mai 2017 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin stattfand.

Zwangsmaßnahmen stellen schwerwiegende Eingriffe in die Grundrechte einer Person dar und sind somit ethisch und rechtlich in besonderem Maße rechtfertigungspflichtig. Dennoch ist die Anwendung von Zwang – etwa in Form von Zwangsunterbringung, Bettgittern oder medikamentöser Ruhigstellung – in verschiedenen Praxisfeldern sozialer Berufe verbreitet. Der Deutsche Ethikrat erarbeitet derzeit eine Stellungnahme zu so genanntem "wohltätigen Zwang", der damit begründet wird, dass Schaden vom Betroffenen selbst abgewendet werden müsse. Im ersten Halbjahr 2017 veranstaltete er zu diesem Themenkomplex drei Anhörungen.

Die Anhörungen befassten sich mit der Frage, welche Rolle Zwangsmaßnahmen in drei Praxisfeldern spielen: der Psychiatrie, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Pflege und Behindertenhilfe. Der Deutsche Ethikrat sprach mit insgesamt achtundzwanzig Sachverständigen aus Wissenschaft und Praxis darüber, inwieweit "wohltätiger Zwang" in diesen Feldern ethisch und rechtlich problematisch ist und welcher Veränderungsbedarf sowohl für die Praxis als auch deren gesetzliche Regulierung besteht.

In seiner zweiten Anhörung am 18. Mai 2017 befasste sich der Deutsche Ethikrat mit dem Praxisfeld der Kinder- und Jugendhilfe. Nach einem nicht öffentlichen Teil, in dem Jugendliche über ihre Erfahrungen mit Zwang berichteten und ihre Erwartungen formulierten, hörte der Ethikrat neben Experten aus Erziehungswissenschaft, Recht und der Verwaltungspraxis auch Vertreter von Beispieleinrichtungen an.

Im Gespräch mit Vertretern von Beispieleinrichtungen ging es den Mitgliedern des Ethikrates auch um die Frage, welche Rolle Schulabstinenz für die Rechtfertigung von Zwangsunterbringungen spielt und spielen sollte. Schulabbrecherquoten von bis zu zehn Prozent in einigen Bundesländern sprächen dafür, dass im deutschen Schulsystem viele Kinder und Jugendliche zurückgelassen würden, befand M. Hubert Schwizler von der Jugendhilfeeinrichtung Timeout, einer im Hochschwarzwald gelegenen Einrichtung für schulmüde und schulverweigernde Kinder und Jugendliche. "Abgesehen vom enormen volkswirtschaftlichen Schaden", so Schwizler, „verlieren wir Menschen mit Ideen, mit Talenten und mit wunderbaren Fähigkeiten". Ein maßgeblicher Grund dafür sei das zu stark standardisierte und normierte Schulsystem. Bei Timeout seien die Kinder zunächst für drei Monate vom Unterrichtsbesuch befreit und eingeladen, stattdessen an vielfältigen außerschulischen Angeboten teilzunehmen. Aus einem Gefühl der Nützlichkeit entwickle sich dann in der Regel automatisch ein Verlangen nach Unterricht. Aufnahmen gegen den Willen der Kinder gebe es bei Timeout nur selten und auch nur im Rahmen einer kurzfristigen Inobhutnahme. Allerdings hätten die meisten Kinder bereits zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme eine von diversen Zwangserlebnissen geprägte Biografie.

Lesen Sie hier den vollständigen Bericht im Infobrief 02/17 des Deutschen Ethikrates ...>