Wir brauchen mehr Geld für Jugendzentren

Erstellt von mhs | |   Presse

Die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss von der Schule gehen, ist alarmierend. Kinder- und Jugendzentren kommt eine zentrale Rolle zu. Sie gleichen Defizite aus. Es wird Zeit, sie richtig zu fördern.

von Wolfgang Schuster; veröffentlicht auf www.welt.de am 6. Februar 2018

In Deutschland verlassen sechs Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. In manchen Bundesländern nähert sich die Quote sogar den zehn Prozent. Statt in einer Ausbildung landen immer mehr Schulabgänger in Fördermaßnahmen des sogenannten Übergangsbereichs: 2016 waren es 300.000 junge Menschen – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Inzwischen sind fast zwei Millionen Männer und Frauen zwischen 20 und 34 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Diese große Zahl von jungen Menschen ohne große berufliche Perspektiven macht mir Sorge. Nicht erst seit gestern wird breit darüber diskutiert, dass unser Bildungssystem nicht allen Kindern und Jugendlichen faire Bildungschancen eröffnet. Die öffentliche Debatte reduziert sich auf die formale Schulbildung, aber Lernen findet nicht nur in der Schule statt. Ein ganz wichtiger außerschulischer Lernort für viele Jungen und Mädchen sind Jugendklubs, Jugendzentren und andere Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Doch statt deren Bildungsleistungen zu unterstützen, werden Stellen abgebaut und Häuser geschlossen – oft gerade dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Elf Prozent der 12- bis 17-Jährigen besuchen mindestens einmal wöchentlich ein Jugendzentrum. Bei oberflächlicher Betrachtung geht es scheinbar nur um Spiel, Spaß und „Abhängen“ mit Freunden. Doch in Wirklichkeit tut sich hier viel mehr: Kinder und Jugendliche, die sich in der Schule schwertun, lassen sich plötzlich begeistert auf eine Tätigkeit ein und schrauben stundenlang an Fahrrädern, üben ein Theaterstück ein oder programmieren Roboter. Dabei machen sie eine der wichtigsten Grunderfahrungen: Selbstwirksamkeit – „Ich kann was!“

In einer Befragung der Deutschen Telekom Stiftung betonten deshalb auch Schulvertreter die kompensatorische Rolle der offenen Kinder- und Jugendarbeit, von der zugleich die schulische Bildung profitiert: Sie gleiche Defizite aus, was sich wiederum positiv auf das Lern- und Arbeitsverhalten in der Schule auswirke.

Die Kinder- und Jugendarbeit zielt vor allem darauf, die Persönlichkeit und damit ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, soziale und kommunikative Fähigkeiten, Alltagskompetenzen auszuprägen und Talente zu entfalten. Sie macht aber auch Bildungsangebote, zum Beispiel zur Sprachentwicklung und Vermittlung von Arbeitstechniken, die das Lernen in der Schule erleichtern. So eröffnen die Sozialpädagogen vielen Kindern Zugang zu Bildung, der schon verschlossen schien.

Heute schon haben 28 Prozent aller Minderjährigen in Deutschland, das sind 3,7 Millionen Kinder und Jugendliche, von zu Hause aus schlechte Startchancen – sei es, weil ihre Eltern arbeitslos oder ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind oder weil sie in Armut leben oder davon bedroht sind. Zugleich ist die Kinder- und Jugendarbeit ein Ort für gelebte Integration – eine Aufgabe, die uns seit 2015 umso stärker umtreiben muss. Damit wir auch all den geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Deutschland eine Zukunft bieten können. Und der wichtigste Weg dorthin ist und bleibt: Bildung.

Unseren Schulen kommt dabei die zentrale Rolle zu. Für mehr Bildungsgerechtigkeit brauchen wir aber auch Akteure wie die offene Kinder- und Jugendarbeit. Das bedeutet: Der Abbau von Einrichtungen muss gestoppt und dauerhaft für ausreichend Fachpersonal und Ausstattung gesorgt werden.

Dazu sollten vor allem der Bund und die Länder ihre Mittel und Wege ausschöpfen, die offene Kinder- und Jugendarbeit verlässlich und langfristig zu stärken. Denn die Hauptfinanciers – die Kommunen – stehen oft vor einem Problem: Schwierige soziale Bedingungen erfordern erst recht kontinuierliche und qualitätsvolle Kinder- und Jugendarbeit. Gerade wirtschaftlich und finanziell schwache Kommunen aber können diesen Bedarf nicht decken. Zusätzliche Mittel sind daher eine gut angelegte Investition in unsere Zukunft.

Der Autor ist Vorsitzender der Deutschen Telekom Stiftung. Er war von 1997 bis 2013 Oberbürgermeister von Stuttgart.

© Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.