Schulen sind Vertrottelungsanstalten

Erstellt von mhs | |   Presse

Immer weniger Menschen seien heute in der Lage, eine Verbindung zwischen Wissen und Leben herzustellen, sagt Felix Unger. Der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften geht hart mit dem deutschen Bildungssystem ins Gericht – und fordert Maßnahmen.

aus: FOCUSonline, Mittwoch, 21. Februar 2018

Die Wissenschaft hat in der Gesellschaft keinen leichten Stand – ihre Wertschätzung nimmt ab. Das weiß auch der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften, Felix Unger: Im Interview mit der "Welt" äußert sich der 71-jährige Professor zu den Wurzeln dieses Übels – und kritisiert neben den Forschern selbst vor allem die verflachte Schulbildung.

Keine Unterscheidung zwischen Realität und Science Fiction

Denn viele Menschen seien heute als Folge der schlechter werdenden Allgemeinbildung nicht mehr in der Lage, zwischen Realität und Science Fiction zu unterscheiden. „Insbesondere sind immer weniger Menschen in der Lage, reflektierend zu denken“, sagt Unger. 30 Prozent der Menschen seien nicht mehr fähig, Gelesenes geistig zu verarbeiten.

Der Grundstein für dieses Defizit werde in der Schule gelegt, die der Wissenschaftler „mittlerweile schlichtweg als ‚Vertrottelungsanstalten‘“ bezeichnet. „Schauen Sie sich doch nur einmal die neuen Lehrbücher für Elementarschüler an: Das ist Reduktion im Stil von „Micky Maus“. Die Komplexität des Lebens wird da unverantwortlich verkürzt“, kritisiert Unger.

Training schon in der Grundschule

Neben den Schulbüchern prangert der Professor vor allem die Qualität der Lehrer an. Dass diese gelitten hätte, sei zum einen darin begründet, dass der Lehrerberuf an Attraktivität eingebüßt habe. Zum anderen habe die politische 68er-Bewegung in Deutschland dem Schulsystem geschadet.

Unger hält es für entscheidend, bereits in der Grundschule anzusetzen: Kinder sollten trainieren, gedankliche Verbindungen herzustellen – „Verbindungen zwischen den nackten Worten und den Realitäten im Leben.“ Auch der Einsatz neuer Technologien wie Computerprogrammen könnte dafür sinnvoll sein.

Besonders wichtig: der sprachliche Ausdruck

Besonders wichtig, so der Professor, sei auch eine stärkere Förderung der Ausdrucksfähigkeit: „Ich bin richtig erschrocken, wenn ich die sprachlichen Fähigkeiten der heutigen Studenten mit denen vor 20 Jahren vergleiche“, sagt Unger. Wer schon als Schüler nicht lerne, die Realität sprachlich genau zu beschreiben, sei im späteren Leben benachteiligt. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, bedeute eine große didaktische Herausforderung.