Gehirnentwicklung - Gespräche machen Kinder schlau!

Erstellt von mhs | |   Presse

Wie Gespräche mit Kleinkindern die Sprach- und Gehirnentwicklung fördern, hat eine Forschergruppe um den Hirnforscher John Gabrieli an der Technischen Universität in Cambridge, Massachusetts (MIT) aufgedeckt.

»Was ist herrlicher als Gold?« fragte der König. »Das Licht«, antwortete die Schlange. »Was ist erquicklicher als Licht?« fragte jener. »Das Gespräch«, antwortete diese.


Johann Wolfgang von Goethe; in: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, 1795. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

Reden ist Gold – und miteinander reden ist entscheidend für die Gehirnentwicklung von Kindern.

Reden, reden, reden – aber das allein reicht nicht. Entscheidend für die Entwicklung der Sprache und des Denkens ist, wie Erwachsene mit Kindern sprechen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschergruppe der Technischen Universität in Cambridge, Massachusetts (MIT). Sie hat die Art und Weise gemessen, wie Eltern mit ihren Kindern kommunizieren – und dabei die Effekte auf die Sprach- und Gehirnentwicklung untersucht. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal "Psychological Science" veröffentlicht.

30 Millionen Wörter – so viel mehr hören Kinder aus wohlhabenden Familien in den ersten drei Lebensjahren als Kinder, deren Eltern wirtschaftlich und sozial schlechter gestellt sind. Diese Zahl haben Betty Hart und Todd Risley in ihrer vielzitierten Studie aus dem Jahr 1995 erhoben. Die US-amerikanischen Forscher begleiteten damals Familien aus verschiedenen sozialen Schichten und zählten die Wörter, mit denen Erwachsene auf ihre Kinder einredeten.

Aber es geht nicht um den Redeschwall. Wissenschafter aus Massachusetts haben nun herausgefunden, dass es nicht nur darauf ankommt, wie viel Eltern mit ihren Kindern reden, sondern auch darauf, wie oft sie die Kleinen in Gespräche verwickeln. Dabei wurden Daten zur unterschiedlichen Sprach- und Gehirnentwicklung von Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren zusammengetragen. Entscheidender als die Anzahl der Wörter, die auf den Nachwuchs niederprasseln, ist die Konversation in Dialogform. Der Studie zufolge ist es eben diese Art der Gesprächsführung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind, die das Gehirn des Kindes zu verändern und zu aktivieren scheint.

"Wichtig ist, nicht nur zu Ihrem Kind zu sprechen, sondern mit Ihrem Kind zu sprechen. Es geht nicht nur darum, Sprache in das Gehirn Ihres Kindes hineinzupacken, sondern darum, tatsächlich mit ihm zu sprechen", sagt Rachel Romeo, Mitautorin der Studie und Doktorandin am MIT. Die Ergebnisse legen nahe, dass Eltern einen beträchtlichen Einfluss auf die Sprach- und Gehirnentwicklung ihrer Kinder haben können. Und: Das gelte unabhängig von Einkommen oder Bildung der Eltern, sagen die Forscher. "In unserer Analyse erscheint die Gesprächsführung als die Sache, die sich unabhängig vom sozioökonomischen Status auswirkt", sagt Studienautor John Gabrieli. Er ist Professor für Gehirn- und Kognitionswissenschaften und Mitglied des McGovern-Instituts für Hirnforschung am MIT.

"Das wirklich Neue an unserer Arbeit ist, dass sie den ersten Beweis liefert, dass es eine Verbindung zwischen familiärer Konversation und Gehirnentwicklung bei Kindern gibt. Es ist fast magisch, wie Kommunikation das biologische Wachstum des Gehirns beeinflusst", sagt Gabrieli.

Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) identifizierten die Forscher die Aktivität des Broca-Areals, also der Region der Großhirnrinde, die als Zentrum der Sprachproduktion angesehen wird. Während eines "Konversationswechsels", also eines hin und her gehenden Austauschs während des Kommunizierens, wurde sie erheblich aktiviert.

Im Rahmen der Studie verwendeten die Forscher ein System namens Sprachumgebungsanalyse (Language Environment Analysis, LENA), um jedes Wort aufzuzeichnen, das von jedem Kind gesprochen oder gehört wurde. Eltern, die sich bereiterklärten, ihre Kinder an der Studie teilnehmen zu lassen, wurden angewiesen, dass ihre Kinder das Aufnahmegerät zwei Tage lang tragen sollten.

Die Aufzeichnungen wurden dann durch ein Computerprogramm analysiert, das drei Messungen ergab: erstens die Anzahl der vom Kind gesprochenen Wörter, zweitens die Anzahl der mit dem Kind gesprochenen Wörter und drittens die Anzahl der Male, die das Kind und ein Erwachsener eine "Konversationswechsel" machten. Forscherin Romeo: "Die Daten zeigen, dass es wirklich dieser interaktive Dialog zu sein scheint, der stärker mit neuronaler Verarbeitung zusammenhängt als die Wortlücke."