Spielen lassen!

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Bestünde ein ernsthaftes Interesse daran, dass aus der Schule lebenskluge und kreative junge Menschen mit Führungsqualitäten hervorgehen, müsste man gründlich umdenken.

von Henning Köhler, Kolumne in "erziehungsKUNST" April 2018

Zum Beispiel wären dann Spitzenwerte im PISA-Ranking eher von Nachteil. Hingegen könnten sich Eltern und Lehrer über unaufmerksame Schüler freuen. Besonders über solche, die keinerlei Anstalten machen, etwas anderes zu tun, als zu spielen. Das ist mein Ernst.

Fangen wir mit der Führungsqualität an. Darunter versteht man die Fähigkeit, glaubwürdig und sozialverträglich eine leitende Funktion auszuüben. Wenn es schon »Vorgesetzte« geben muss, sollten sich diese nicht nur durch Fachwissen auszeichnen, sondern mehr noch durch Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen, und das tun sie allzu selten. Nun ergab eine Studie der Universität Lausanne (März 2017) »einen nichtlinearen Effekt der Intelligenz auf die Führungsqualität in Form einer umgekehrten U-Linie«. Das heißt: IQ-Riesen sind Sozialkompetenzzwerge, nicht immer, aber oft! Sie scheitern schon an der Aufgabe, ihren Mitarbeitern komplexe Zusammenhänge begreiflich zu machen.

Eine andere Studie vom Georgia Institute of Technology (August 2017) belegt, dass Menschen, die dazu neigen, ihre Gedanken abschweifen zu lassen, wenn sie sich auf etwas konzentrieren sollen, oft besonders klug und kreativ sind. Eric Schumacher, ein Co-Autor der Studie, warnt davor, Kinder, die im Unterricht ständig abschalten, für minderbegabt zu halten. Ihre Verträumtheit könne auf hohe geistige Regsamkeit und eine ungewöhnlich rasche, intuitive Auffassungsgabe hindeuten. (Obwohl damit zu rechnen ist, dass ihnen beim Intelligenztest oder bei Prüfungen, nun ja, die Gedanken davonfliegen.) Tagträumer haben es nicht leicht. Oft entwickeln sie Schulangst. Viele erhalten die Diagnose »Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ohne Hyperaktivität« und werden mit Psychopharmaka behandelt. Man treibt ihnen ein Stück Genialität aus, damit sie sich anhaltender konzentrieren können. Das ist zeitsymptomatisch.

Was den dritten Punkt, die Spielfreude, angeht, lohnt es, bei Gerald Hüther und Christoph Quarch nachzulesen. In ihrem Buch "Rettet das Spiel" (2016) sprechen sie von der »spielerischen Lebenskunst« als einer unersetzlichen Resilienz- wie auch Intelligenz-Ressource und stellen fest: »Wie gut sie [die Kinder] diese Kunst beherrschen, wird weder in globalen PISA-Vergleichsstudien noch in Klassenarbeiten und Examina geprüft.« Auch IQ-Tests erfassen das natürlich nicht. Schon Rudolf Steiner sagte: »Angenommen, wir wollten einen Menschen zu einem besonders erfinderischen Geist machen (…), dann müssten wir ein solches Kind bis zum zehnten, elften Jahr (…) beim kindlichen Spiel erhalten« (GA 114).

Aus Kindern, die man bis zur Schwelle der Pubertät träumen und spielen ließe, würden keine IQ-Riesen werden, das nicht. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit Menschen, die dazu in der Lage wären, »ihre Denkfähigkeit zu einer höheren Produktivität auszubilden« (Steiner). Und womöglich ordentliche Führungspersönlichkeiten.

Hinweise auf die Studien finden sich in: Katapult, Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft, 8/2018.