Nur scheinbar harmlos

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Jess Jochimsen mit seinem Programm "Heute wegen gestern geschlossen" im Thurner Wirtshaus.

von Florian Schlosser; in: BADISCHE ZEITUNG vom Mittwoch, 30. Mai 2018

ST. MÄRGEN. Kulturabend der Timeout Jugendhilfe im Thurner Wirtshaus gegen Fußballgroßereignis in Kiew: Der Freiburger Jess Jochimsen tritt mit seinem Kabarettprogramm "Heute wegen gestern geschlossen" gegen das Finale der Fußball-Champions-League an.

Jochimsen steht im ausverkauften Saal und streichelt den Zuschauern gleich zu Beginn die Seele. "Es spricht sehr für Sie, dass Sie heute da sind", ruft er seinem Publikum zu. Um gleich darauf anzukündigen: "Ich mach jetzt zwei Mal 45 Minuten, wie beim Fußball." Jochimsen schafft es daraufhin immer wieder, einen gut konstruierten und scharfsinnigen Bogen vom Kleinen und scheinbar Alltäglichen zu den großen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu spannen.

"Heute wegen gestern geschlossen." Dieser Titel, "das ist wie Ganzkörperverstehen. Jeder spürt es. Zu viel Krise, zu viel Krieg, zu viel Koalitionsverhandlung, zu viel Kultur. Also Willkommenskultur", präzisiert der Kabarettist. "Das packt man nicht. Da machen wir halt zu. Die Grenzen. England. Alles. Sorry, we’re closed. Wegen gestern." Garniert wird das Programm durch Jochimsen herrlich einfachen, widersprüchlichen und urkomischen Dias, wie nur das Leben sie hervorbringen kann.

Für alle Themen dieses Abends gilt: Jochimsen hält sich und den Zuschauern schonungslos einen Spiegel vors Gesicht. Nicht zuletzt beim Thema Fußball wird klar, dass das selbstauferlegte Fußballfasten an diesem Abend nicht wirklich klappt. Zu Beginn der Veranstaltung hob Jochimsen sich und sein Publikum noch moralisch über die Fußballfanatiker – um im Laufe der Veranstaltung dann doch zu kapitulieren. So ist es der praktische Teil der Show, dass einige Zuschauer als auch Jochimsen selbst durchwegs ganz gut über den aktuellen Spielstand zwischen Madrid und Liverpool Bescheid wissen. Letzterer wird sogar von seinem Tontechniker per Lichtzeichen über – für alle Beteiligten rätselhafte – Lichtzeichen auf dem Laufenden gehalten.

Die Zuhörer können Jochimsen beim Denken zuschauen, er reiht seine Gedanken scheinbar zufällig aneinander und verknüpft dabei geschickt verschiedene thematische Bereiche. "Warum fehlt uns eigentlich immer das Geld? In den Politsendungen werden auf diese Frage immer marode deutsche Straßen eingeblendet als Beleg dafür, dass wir praktisch pleite sind. Schuld sind immer die Griechen. Oder die Ausländer", so Jochimsen. Auch die Brücken seien marode. Aber daran seien nicht die Ausländer schuld. "Es sind die Schlösser am Geländer. Wenn du mich echt liebst, häng’ mir ein Schloss an die Brücke. Kauf dir am besten eins im Baumarkt. Im Dreierpack, falls doch was schiefgeht." Der Statiker würde dann solch einer Brücke bescheinigen, dass die Belastungsgrenze erreicht ist. "Aber die Ausländer bringen keine Schlösser an. Der Islam gehört erst dann zu Deutschland, wenn auch die Imame Schlösser an Brücken befestigen", schlussfolgert der Gast aus Freiburg.

Die Ursache vieler Probleme liege in der Angst begründet, ist Jochimsen überzeugt. Auch die Ablehnung der Flüchtlinge basiere hauptsächlich darauf. "Wir werden von Flüchtlingen geflutet. Eine Million Flüchtlinge. Wir sind 80 Millionen Deutsche. Wenn ich so in die Runde schaue, sind wir hier etwa 80 Leute. Das bedeutet, dass Sie dort vorne der Flüchtling sind." Jochimsen ruft dem Mann in der ersten Reihe zu: "Fluten Sie uns! Fluuuuten Sie uns!" Und fährt weiter, als das Hochwasser ausbleibt: "Bei Angst hilft Mathe. Aber bei uns haben Schüler ja Angst vor Mathe. Vor was habe ich wirklich Angst? Und geht die weg, wenn ich zusperre?"

Jochimsens kommen scheinbar subtil und harmlos daher. Wie Seifenblasen, die leicht, bunt und unbekümmert auf einen zufliegen und dann launig zerplatzen. Mitunter entpuppt sich eine dieser Seifenblasen aber auch als Handgranate, die einem mit lautem Getöse um die Ohren fliegt, kaum dass sie einen berührt. Wer am Schluss nicht wachgerüttelt ist, der hat wohl zu sehr das Champions-League-Finale verfolgt oder jegliche Konfrontation mit sich selbst vermieden. Und so schließt Jess Jochimsen mit folgenden Worten: "Heute wegen gestern geschlossen. Wisst ihr, was das heißt? Das gestern auf war. Und morgen wieder auf ist. Wegen heute." Womit wir wieder am Anfang wären.