"Kinder sollen Mut entwickeln"

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BZ-INTERVIEW mit Daniel Götte, Gründer und Leiter der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Timeout, die jetzt 15 Jahre besteht.

von Susanne Gilg; in: Badische Zeitung vom 27. September 2018

HOCHSCHWARZWALD. Kindern und Jugendlichen in Not maßgeschneiderte Hilfe zukommen lassen: Das war der Antrieb, als Daniel Götte vor 15 Jahren die Timeout-Jugendhilfe in Breitnau gegründet hat. Mittlerweile ist die Organisation auf sechs Standorte zwischen Freiburg, Vörstetten und Titisee-Neustadt angewachsen, künftig soll Altenhilfe dazukommen und aus Timeout soll eine Stiftung werden. Susanne Gilg hat mit Geschäftsführer Daniel Götte über gesellschaftliche Veränderungen, seine Pläne und Visionen gesprochen.

BZ: Was war vor 15 Jahren Ihr Antrieb, die Jugendhilfe Timeout zu gründen?

Götte: Ich war Landwirt und Lehrer, habe sowohl in der Landwirtschaft wie auch als Lehrer Jugendliche kennengelernt, die zurückgelassen wurden und durch alle Maschen gefallen sind. In Deutschland haben wir zwischen sechs und zehn Prozent Jugendliche, die nicht mehr aufgefangen werden können. Es hat mich wütend gemacht und geärgert, dass in Deutschland manche Kinder und Jugendliche einfach aufs Abstellgleis geschoben werden. Es ist eine empirische Erfahrung, dass Kinder immer lernen wollen. Die Bildungseinrichtungen lähmen dieses Verlangen zu oft und fördern die Kinder nicht genügend. Daher haben wir damals gesagt, dass wir uns um die Schulverweigerer kümmern wollen.

BZ: Wie sah dann genau der Start aus?

Götte: 2003 haben wir im März mit den ersten Kindern und Jugendlichen begonnen. Dabei war es für mich ganz wichtig, den Kindern immer das Erlebnis zu verschaffen, nützlich zu sein. Die Gesellschaft hat hier so tolle Sprüche parat, die auf den ersten Blick super klingen, aber völliger Quatsch sind.

BZ: Zum Beispiel?

Götte: Nehmen Sie den Spruch "Wir lernen für das Leben" – klingt erstmal toll, aber was macht das für einen Sinn? Das Leben findet doch jetzt statt, genau hier und heute.

BZ: Welche Rolle spielt nun bei alldem die Landwirtschaft?

Götte: Sie hat uns die Möglichkeit gegeben, unmittelbar nützlich zu sein. Wenn die Kuh morgens mit einem dicken Euter im Stall steht, dann muss sie gemolken werden. Wenn nicht, dann geht es ihr schlecht. Das versteht jedes Kind.

BZ: Welche Kinder und Jugendlichen melken bei Ihnen Kühe?

Götte: Diese Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens das Gefühl gehabt, dass sie stören. Und zwar irgendwelche komischen Abläufe, die ich auch nicht müde werde zu kritisieren. Denn ich bin der Meinung, dass wir heute Standards aus der Industrie übernommen haben, die mit Bildung nichts mehr zu tun haben.

BZ: Was heißt das genau?

Götte: Kinder, die ein von der Norm abweichendes Verhalten zeigen, gelten als krank. Heute haben wir es mit einer Vielzahl von Abweichungen zu tun, sodass wir uns fragen müssen, ob wir die falschen Kinder oder das falsche System haben. So werden heute haufenweise Talente verschwendet. Wir wollen doch Menschen, die überzeugt sind von ihren Ideen und auch bereit sind, Fehler zu machen. Nur so bekommen wir mutige und kreative Menschen. Die Stigmatisierungskultur von Fehlern, die wir heute haben, ist eine Riesenkatastrophe. Und in dem ganz kleinen Umfeld, das wir abdecken, sollen Kinder den Mut entwickeln, auch wieder Fehler zu machen. An sechs Standorten versuchen wir nun – mit Rücksicht auf die moderne Wissenschaft – ein solches Klima herzustellen. Wir wollen Kindern, die schon gestrauchelt sind, Zeit geben, sich wiederzufinden.

BZ: Kommt daher der Name Timeout?

Götte: Ja, der Name ist an die Auszeit – an den Break beim Tennis – angelehnt. Mir war es wichtig, einen Begriff zu wählen, der nicht stigmatisiert ist und nicht stigmatisiert. Inzwischen gibt es leider im psychiatrischen Bereich den Begriff Timeout-Raum, der für eine Gummizelle steht.

BZ: Wie erreichen Sie die Kinder?

Götte: Das funktioniert in der Regel über die Jugendämter. Unsere Hauptbeleger sind das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald und die Stadt Freiburg, aber das geht bis nach Norddeutschland.

BZ: Wie ist der Bedarf?

Götte: Der Bedarf übersteigt bei Weitem unsere Kapazitäten und die Intensität der Hilfe steigt ständig, sodass wir vor Kurzem eine Traumagruppe im Hochschwarzwald eingerichtet haben, wo sechs Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren intensiv betreut werden.

BZ: Stichwort Betreuung: Wie sieht es bei Ihnen mit Personal aus?

Götte: Wir haben inzwischen ungefähr 100 Mitarbeiter, davon 80 im pädagogischen Bereich. Es fällt nicht allzu schwer, Menschen zu akquirieren, aber zum Beispiel in der Traumapädagogik braucht es bestens geschultes Personal. Wir müssen uns teils um hochtraumatisierte Fälle kümmern. Menschen, die einen erzieherischen Auftrag haben, sind heute einem wesentlich höheren Anforderungslevel ausgesetzt – daher brauchen sie entsprechende Schulungen und auch selbst die Möglichkeit, eine Auszeit zu nehmen.

BZ: Geplant ist, dass Sie Ihr Angebot auf die Altenhilfe ausweiten …

Götte: Ja, denn bei Kindern, Jugendlichen und alten Menschen erleben wir, dass die Gesellschaft auseinanderfällt. Wir erleben, wie schlimm es für junge Menschen ist, wenn alte Menschen nicht mehr da sind und wie alte Menschen sich freuen, wenn junge Menschen in der Nähe sind. Wir haben die Idee, Kinder-, Jugend- und Altenhilfe zusammenzubringen. Dabei geht es um Begegnungen, wir wollen ermöglichen, dass Begegnungen stattfinden. Aus diesen heraus können sich gegenseitig bereichernde Momente ergeben. Daher haben wir auch das Thurner Wirtshaus: Hier sollen sich Menschen begegnen können.

BZ: Was läuft in Ihren Augen falsch in der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland?

Götte: Es geht um einen Paradigmenwechsel. Wir müssen vom Kind her denken – das ist eines unserer wesentlichen Anliegen. Denn Kinder sind keine Anhängsel ihrer Eltern. Da muss zum Beispiel die Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen völlig neu gedacht werden. Daher haben wir eine Initiative gestartet, bei der zum Beispiel Ärzte, Hebammen und Vertreter des Jugendamts sowie verschiedener Organe der Rechtspflege am Runden Tisch zusammenkommen. Damit man Kinderschutz so umsetzen kann, wie es von den Vereinten Nationen vorgesehen ist, braucht es eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung. Es geht nicht, dass jeder in seinem Fachbereich vor sich hinarbeitet und nicht über den Tellerrand blickt. Das läuft in Deutschland falsch. Kinder und Jugendliche haben hierzulande keine Lobby.

BZ: Werden Sie für Ihre Ideen manchmal eigentlich belächelt?

Götte: Ja, aber das hat mich noch nie abgeschreckt. Es ist mir zu einem Leitmotiv geworden, mich nicht am Machbaren zu orientieren – denn das führt dazu, dass man immer nur ausgetretenen Pfaden folgt.

BZ: Welchen Pfad schlagen Sie als nächstes ein?

Götte: Zum einen die Umsetzung der Altenhilfe und die Errichtung einer gemeinnützigen Stiftung, die alle unsere Einrichtungen unter einem Dach zusammenfasst. Langfristig geplant ist auch eine kleine Akademie, die Fachvorträge und Fortbildungsmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel der Epigenetik oder der Traumaforschung, anbietet.


Zur Person: Daniel Götte

Der Timeout-Geschäftsführer (Jahrgang 1971) stammt aus Freiburg, hat kurz Germanistik und Geschichte studiert und dann beschlossen, Landwirt zu werden. Er hat eine landwirtschaftliche Lehre gemacht, eine Käserei wieder aufgebaut und sich dann an der Freien Hochschule in Stuttgart zum Waldorflehrer ausbilden lassen. Timeout sollte eigentlich auf einer kleinen schottischen Insel entstehen, doch die Rahmenbedingungen ließen das nicht zu. Über ein Inserat in der Zeitung stieß seine damalige Frau auf die Nessellache. Ein Verein wurde gegründet, bei Hochzeiten gecatert, Feiern ausgerichtet – bis irgendwann das Thurner Wirtshaus hinzukam. "Das hat sich alles irgendwie gefügt", sagt Götte. Inzwischen gibt es die Timeout-Kinder- und Jugendhilfe, die 2003 auf dem Hofgut Rössle in Breitnau gegründet wurde, an sechs Standorten. Ein zweigruppiger Waldkindergarten in Freiburg gehört noch zur Timeout-Familie.


Festprogramm

  • Am Freitag, 28. September, findet von 18 bis 22 Uhr ein Fest im Hofgut Rössle auf der Nessellache statt für alle heutigen und ehemaligen Betreuer, Jugendlichen und deren Eltern.
  • Am Samstag, 29. September, gibt es ab 11 Uhr am Thurner in St. Märgen ein großes Fest für alle Nachbarn und Mitbürger, für Interessierte, alte Bekannte und neue Freunde, für Jung und Alt mit Spiel und Unterhaltung (Bull-Riding, Kutschfahrten, Schießbude, Impro-Theater, Highland-Games, Alpaka-Spaziergänge) sowie Bewirtung mit Unterstützung des Thurner Wirtshauses und des Café KirschSprung. Am Abend gibt’s im Thurner Wirtshaus Musik und Tanz bis in den nächsten Morgen.