Stille

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"Musik! - Über ein Lebensgefühl" von Roger Willemsen - Literaturempfehlung & Leseprobe

Am 7. Februar 2016 verstarb der deutsche Publizist und Philanthrop Roger Willemsen.

Keine andere Kunst nahm Roger Willemsen so persönlich wie die Musik: Sie war von früh an Komplizin, als es darum ging, das Leben zu verdichten. Willemsens Liebeserklärungen an den Jazz, seine Verbeugungen vor den klassischen Komponisten, seine scharfe Verteidigung der künstlerischen Existenz, vor allem aber sein tiefes Verständnis für die Musiker und ihre Themen sind legendär. Seine einzigartigen Texte »über Musik« sind weit mehr als das: Sie sind Ausdruck eines Lebens »entlang jener Linie, an der man Dinge macht, die aus Freude bestehen oder aus Aufregung, aber nie aus Gleichgültigkeit«. Roger Willemsens Hommage an die Musik und ihre Heldinnen und Helden gibt einem das Gefühl, am Leben zu sein.

Eine Auswahl an Texten aus seinem "musikalischen" Nachlass ist nun posthum bei S.Fischer in Frankfurt erschienen. Hieraus stammt die folgende Leseprobe ....

Stille

von Roger Willemsen; in „Musik! - Über ein Lebensgefühl“, S.Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018

Wo vom Wesen die Rede ist, so lehrt die Philosophie, ist vom Ursprung die Rede. Wenn von den stillen Momenten eines Lebens also gesagt wird, etwas Wesentliches trete in ihnen zutage, so ist auch gemeint, etwas Ursprüngliches zeige sich. Dies aber bezeichnet nicht die conditio humana allein – wir kommen aus der Stille und gehen wieder in sie ein –, es bezeichnet die Bedingungen jeder künstlerischen Hervorbringung: Die leere Leinwand schweigt, das weiße Blatt tut es, Ruhe tritt ein, bevor der erste Ton gespielt wird, und der letzte liefert sich ihr wieder aus.

Stille ist der Zustand, in dem Musik geboren wird. Was immer sie sagt, ist sie doch auch komponiertes Schweigen und zieht sich selbst auf immer neue und originelle Weise ins Unhörbare zurück, ja, der Musik kann es sogar gelingen, die Stille zu vertiefen durch ihr Sprechen. In keinem Werk aus den frühen Jahren der klassischen Musik ist das so fassbar wie in dem von Johann Sebastian Bach, dessen Sonaten und Partiten für Solo-Violine geradezu als Ergründungen einer Stille erfahrbar sind, die beides kennt: die Strenge der Architektur, die Zartheit der Schwärmerei. Musik berührt hier ihre Voraussetzungen, ihren Ursprung im Schweigen und ihre Neigung, in dieses heimzukehren.

Wenn alle lärmenden Bewegungen, alle Überlagerungen von Empfindungen, Wahrnehmungen, Impulsen durch Geräusche zurückweichen, tritt die Ruhe der Betrachtung ein. Die Natur wird häufig so erfahren, selten die Stadt. Die Waldesruhe, der Frieden über dem See, das Schweigen der Nacht, sie alle assoziieren Friede, den Fortfall des Hochtourigen, Geschäftigen, Flüchtigen, auch Belanglosen. Es tritt Kontemplation ein, reines Bei-sich-Sein.

Auch im sozialen Leben aber ereignet sich Stille nicht nur, sie besetzt eigene Funktionen: In der »Schweigeminute«, der stillen Trauer, der Denkpause, in der Betrachtung des Firmaments, in den Schweigeräumen der Kirchen, Krypten, Tempel, im Schweigegelübde der Kartäuser, der Eremiten, der tibetanischen Schweigemönche, in der »stillen Zeit« zwischen Weihnachten und Silvester.

Es gibt, wo Bescheidenheit oder selbst Demut einsetzen, ein Klein-Werden, das dem Leise-Werden entspricht und oft der Pietät, dem Glauben, der Selbstversenkung vorbehalten ist. Auch wohnt den stillen Augenblicken des alltäglichen Lebens oft eine eigene Magie inne, so der Stille vor dem Kuss, der Stille des Einvernehmens in einem Blick, der Stille des Gebets, der Stille im Umkreis des Sterbens und schließlich jener Stille, die im Auge des Orkans, im Zentrum der Katastrophe herrscht, wenn sich die Zeit dehnt und alle Abläufe zugleich verlangsamt und geräuschlos erscheinen. Manchmal ist deshalb auch die abgesenkte Stimme, die flüsternde sogar, besser geeignet, einen inneren Vorgang zu spiegeln, als die Sprechstimme, und manchmal ist gerade die Musik geeignet, geräuschlose Zustände zu verdichten.

Von den bleibenden Momenten eines Lebens wird oft gesagt, dass sie »atemlos« waren, dass alle Bewegung in ihnen zum Stillstand kam, dass sie sich in völligem Schweigen ereigneten. Was intensiv ist, sei es im Erleben des Glücks oder in der Katastrophe, tritt oft geräuschlos auf. Zugleich werden gerade die leisen Augenblicke leicht überhört und übersehen, sei es, weil das Brausen der Realität zu laut, der Kommunikationslärm zu dominant, die Bestrahlung aus akustischen Quellen bestimmend, wenn nicht gewaltsam ist.

Die Präsenz von künstlichen Sounds aber muss nicht nur auf Sehbehinderte und Blinde immer wieder als ein Angriff auf die Orientierung wirken und das individuelle Erleben beschädigen oder sogar vereiteln. Sie provoziert andererseits eine bewusstere Wahrnehmung von Stille, die es gegen die akustische Zerstreuung zu bewahren gilt, auch weil Selbstreflexion ohne solche Stille kaum denkbar ist. Diese Erfahrung erweist sich als unerlässlich für den Bau der Persönlichkeit, die Herausbildung von Individualität.

Es liegt in der Wahrnehmung der Stille zugleich oft etwas Nachzeitiges: Jetzt wird sie erlebt, später wird sie bewusst und erst im Rückblick hörbar. Es gibt viele Felder, auf denen sie sich unmerklich einstellt und ausdehnt: Da sind die leisen Prozesse, in denen sich ein Leben ändert, Prozesse der Ermüdung, des Nachlassens und Ausbleichens; da sind die Zeitdehnungen inmitten einer Katastrophe, in der der äußere Lärm ohrenbetäubend erscheinen kann, innen aber streckt sich ein atemloser Zustand, der sich ausdehnt als ein Vakuum, bevor es zum Aufprall, zum Kollaps kommt; da ist die Stille im Schrecken, vor dem Erhabenen, im Feierlichen. Man kann die Stille bereisen, wie man das Meer bereist oder in eine Landschaft eintritt – lauter Schweigezonen, in denen alle Bewegung zum Erliegen kommt und Lebensäußerungen nicht stillgestellt, aber unhörbar werden.

»Wer Klang wirklich in seinen ganzen Dimensionen aufnehmen will, muss Stille erfahren haben«, sagte Yehudi Menuhin, »Stille als wirkliche Substanz, nicht als Abwesenheit eines Geräuschs. Diese echte Stille ist Klarheit, aber nie Farblosigkeit, ist Rhythmus, ist Fundament allen Denkens, darauf wächst alles Schöpferische von Wert. Alles, was lebt und dauert, entsteht aus dem Schweigen. Wer diese Stille in sich trägt, kann den lauten Anforderungen von außen gelassen begegnen.«

So betrachtet, führt die Stille in eine Reglosigkeit der Bewegung, in ein Schweigen alles Sprechenden, in die beredte Pause zwischen den Mitteilungen, in den Transitraum von Zuständen abseits von Aktionen: Man öffnet eine Schublade zur Hälfte, nimmt aber nichts heraus. Man schlägt einen Nagel in die Wand und lässt das Bild trotzdem am Boden stehen. Man will die Hand zum Abschiedwinken heben, da bleibt sie, halbhoch, in der Luft. Die fragmentarischen Werke und Gesten, sie verweisen auf ein Moment der Nachzeitigkeit, der Teilung in zwei Zeiten, in Gegenwart und Vergegenwärtigung, in Existenz und Bild: Man wird aufgestanden sein, aber noch sitzt man und produziert den Impuls der kommenden Handlung. Man verzögert sich und ist in diesem Augenblick bei sich, festgehalten von einem Zustand vor der Tat, gebrochen in der Nicht-Identität mit dem eigenen Handeln und doch eingefroren in der Immunität des Moments.

Solche Dramen der Stille vernehmlich zu finden bezeichnet ihren musikalischen Aspekt. Die Rede verstummt, der Arm hebt sich, der Bogen schwebt über den Saiten, der Atem wird unhörbar: Gleich öffnet sich der Klangraum zur Erzählung, und sie wird in jedem Zögern, Aussetzen, Verweilen die Stille neuerlich zitieren, der sie sich zuletzt wieder ausliefert, ehe andere Geräusche, Klänge und Mitteilungen übernehmen.