Gegen das Vergessen

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Der Auschwitz-Überlebende Leon Weintraub hat im Hofgut Rössle auf den Nessellachen von seinem Leben berichtet.

von Thomas Biniossek - in: BADISCHE ZEITUNG vom Samstag, 17. November 2018

BREITNAU. Das war eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art. Der 92-jährige Leon Weintraub war auf dem Hofgut Rössle auf den Nessellachen zu Gast und berichtete als Ausschwitz-Überlebender von seinem Leben. Die 14- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler der Kinder- und Jugendhilfe Timeout sowie weitere Interessierte waren bei dem über zweistündigen Vortrag hoch konzentriert und nahmen an den zahlreichen Schicksalsschlägen des jüdischen Polen Weintraub teil.

"Ich freue mich, zu jungen Deutschen über diese dunkle zwölfjährige Zeit des Tausendjährigen Reichs der NS-Zeit zu sprechen", sagte Weintraub nach der Begrüßung durch Schülersprecherin Corinna. Der 92-Jährige, der in Schweden lebt, spannte den Bogen von seiner Geburt über seine Familie mit vier älteren Mädchen als Geschwister über seine Zeit als Gefangener bis zu seiner Arbeit als Frauenarzt und Geburtshelfer in Polen und Schweden. "Ich war als junger Bub umsorgt, auch wenn es nicht immer schön war, fünf umsorgende Mütter zu haben", was die Zuhörer zum Lachen brachte.

Das allerdings blieb ihnen in den folgenden zwei Stunden im Halse stecken. Genau an dem Tag, an dem er in das Gymnasium eingeschult wurde, am 1. September 1935, überfiel Nazi-Deutschland Polen. "Das hat mein Leben ganz anders gestaltet, als es geplant war", sagte Weintraub. Sehr schnell kamen nämlich Beschränkungen wie Nachtausgangssperren und Lebensmittelrationierung, nur wenige Monate später wurde in Lodz ein Ghetto eingerichtet, wohin die Juden, ein Drittel der Bevölkerung der polnischen Stadt, gebracht wurden.

Was folgte war Unterdrückung, das Ghetto wurde zum "Staat im Staat", berichtete der Arzt. Sehr rasch folgten Selektionen, wurden die Nichtarbeitsfähigen, "also die Älteren über 60 und die Kinder unter zehn Jahren", ins Vernichtungslager Kulmhof abtransportiert und auf Lastwagen mit in die Kästen geleiteten Abgase getötet.

Im Ghetto wurden die Juden zu Arbeiten für die Rüstungsindustrie gezwungen. "Ich arbeitete im Metall- und dann Blechnerei-Ressort und schließlich in der Elektroabteilung." Leon Weintraub berichtete vom Alltag der hinter Stacheldraht Gefangenen, von täglich zwölfstündiger Arbeit, von knappen Lebensmitteln, kaum mehr als 1000 Kalorien am Tag. "Es war alles rationiert. Hunger war unser ständiger Begleiter, und er sollte es für weitere sechs Jahre bleiben."

"Im Herbst 1942 nach der Niederlage von Stalingrad haben die Nazis beschlossen, keinen Gefangenen mehr zu versorgen, der nicht produktiv ist", sagte Leon Weintraub. Ein Drittel der Menschen im Lager, Alte, Kranke, Kinder, selbst Säuglinge, aus dem Arm der Mutter gerissen, wurden in Vernichtungslager gebracht. Im Sommer 1944, die Rote Arme stand am rechten Ufer der Weichsel, wurden die Menschen des Ghettos nach Deutschland verlagert. "Die Ressorts wurden geleert, die Menschen verschwanden und keiner wusste wohin." Im August 1944 war auch die Familie Weintraub betroffen, wurde mit einem Zug mit Viehanhängern nach Ausschwitz verbracht. Im Konzentrationslager wurden Frauen und Männer getrennt. "Der Verbrecher Mengele hat die Frauen aussortiert. Meine Mutter ist noch am selben Tag in die Gaskammer geschickt worden."

 

"Schuld kann ich niemandem heute zuweisen." - Leon Weintraub

 

"Dann begann das entwürdigende Verfahren. Nackt wurden wir an allen Stellen des Körpers rasiert, erhielten ein Hemd, eine Hose und eine Jacke. Unterwäsche gab es nicht." Als Arbeitskraftreserve für deutsche Rüstungsbetriebe wurde nicht gearbeitet. "Was blieb waren Einsamkeit, Hunger und der Gestank des nach verbranntem Fleisch riechenden Rauchs." Leon Weintraub befand sich in einem Zustand der Katatonie: "Man sieht, hört, fühlt, aber man denkt nicht mehr. Ich habe in dieser Zeit nie darüber nachgedacht, wie es meiner Mutter und meinen Geschwistern geht." Im Februar 1945 wurde er mit arbeitsfähigen Männern auf einen Todesmarsch Richtung Deutschland geschickt. Es gab kein Essen, nichts zu trinken. "Wer hinfiel, wurde erschossen." Über das KZ Natzweiler wurde er mit dem Zug nach Donaueschingen gebracht, wo er nach einem Beschuss fliehen konnte. Aufgegriffen von einem französischen Soldaten, nahm die Schreckenszeit für die Überlebenden ein Ende.

In einem Schnelldurchgang erzählte er seinen weiteren Lebensweg: Zurück in Polen, begann er sein Studium der Medizin, arbeitete in Warschau als Arzt. Drei Schwestern hatten im KZ Bergen-Belsen überlebt. Er heiratete, emigrierte nach einer gesteuerten antisemitischen Welle in Polen nach Schweden, "wo ich immer noch glücklich mit meiner Familie lebe". Nach Deutschland wollte er nicht ziehen.

"Haben Sie Scham empfunden bei dem, was Ihnen passiert ist?", fragte Schülerin Rebekka den 92-Jährigen in der kurzen Fragerunde. "Nein, der Gedanke an Scham kam mir nie. Ich bin einfach nur traurig. In meiner Familie sind vier von fünf Personen umgebracht worden. Im Gegenteil, ich bin stolz, dass ich alle Verfolgung überlebt habe", antwortete Leon Weintraub. Und Cornelius wollte wissen, ob er eine Entschädigung vom deutschen Staat erhalten habe. "Ja, ich bekomme für meine Haftzeit eine kleine Rente."

Zur Schuldfrage auch heutiger Generationen nahm er auch Stellung: "Die heutige Generation war ja nicht wie die Tätergeneration beteiligt." Den Tätern könne er nicht vergeben, aber "Schuld kann ich niemandem heute zuweisen".
Vielmehr sei wichtig, auf diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte hinzuweisen – gegen das Vergessen.