Polizisten allein schaffen es nicht

Erstellt von mhs | |   Presse

Damit junge Flüchtlinge nicht zu Kriminellen werden, braucht Deutschland mehr Erzieher.

Was braucht es, damit ein junger Mann, der als Flüchtling in Deutschland lebt, nicht zum Straftäter wird? Was braucht es, damit er niemanden bestiehlt, niemanden vergewaltigt, niemanden anzündet? Damit er sich nicht radikalisiert und einen Lkw in eine Menschenmenge lenkt? Zwei Antworten gab es darauf in letzter Zeit besonders oft: mehr Abschiebeflüge. Und: mehr Polizei.

Es ist sinnvoll, das Personal der Polizeiwachen aufzustocken, um Terror und Gewalt einzudämmen. Doch wer sich nur darauf konzentriert, hat die Flüchtlinge schon aufgegeben – und sie erst dann auf dem Schirm, wenn sie längst zu Tätern geworden sind.

Wer vermeiden will, dass sie zu Kriminellen werden, sollte deshalb nicht zuerst den Personalmangel bei der Polizei bekämpfen, sondern den Personalmangel in den Flüchtlingsheimen.

Bei der Frage, wer Täter wird und wer nicht, spielt es, statistisch betrachtet, kaum eine Rolle, ob jemand Syrer oder Afghane ist. Entscheidend sind andere Merkmale. Zum Beispiel, ob man jung ist, männlich, vor allem aber: ob man in schwierigen Verhältnissen lebt. Auf die meisten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland trifft das zu. Vor allem auf jene, die ohne ihre Familie geflohen sind. Allein im Jahr 2015 sollen etwa 40.000 ins Land gekommen sein, die meisten von ihnen sind Jungs.

In Hamburg etwa wohnen bis heute Hunderte dieser Jungs in schlecht betreuten Heimen. Dort teilen sich nachts bis zu 60 pubertierende Jugendliche einen einzigen Betreuer. Ob ein Junge morgens in die Schule geht und ob er abends nach Hause kommt, lässt sich dort schwer kontrollieren. Und es mangelt nicht nur an Erziehern, sondern manchmal auch an strengen Regeln: Hamburger Sozialarbeiter berichten, sie dürften die Schränke der Jugendlichen nicht auf Drogen kontrollieren, weil sie dann die Privatsphäre der Jungs verletzten. "Eine tickende Zeitbombe" seien diese Heime, warnt einer von ihnen.

In Nordrhein-Westfalen dürfen Tausende junge Flüchtlinge gar keine Schule besuchen, weil sie noch nicht auf die Kommunen verteilt wurden. Sie haben ein Recht auf Bildung. Aber keine Schule, in die sie gehen können.

In Berlin erklärten im Dezember mehrere Integrationsforscher das Konzept der Flüchtlingsklassen für gescheitert: Dort bleiben geflüchtete Jugendliche unter sich und lernen kaum Muttersprachler kennen, mit denen sie Deutsch lernen könnten. Und in vielen Bundesländern dürfen selbst begabte jugendliche Flüchtlinge nur dann auf eine normale Schule gehen, wenn sie jünger als 17 sind, weil die älteren höchstens eine Ausbildung absolvieren dürfen. ...

Lesen Sie den ganzen Kommentar von Caterina Lobenstein auf ZEIT ONLINE vom 04.01.2017 ...>