Neues Leben am Lärchenweg

Erstellt von mhs | |   Presse

Heute ziehen zwölf jugendliche Flüchtlinge in ehemalige Pension ein - Jugendhilfeverein Timeout ist Träger der Wohngruppe.

TITISEE-NEUSTADT. Die weiße Schrankwand mit den dicken Griffen und dem schrill-orangenen Hintergrund verströmt den Charme der Vergangenheit, für die neuen Bewohner des Hauses im Neustädter Lärchenweg aber bedeutet dieses Ambiente Zukunft. Heute, Freitag, ziehen zwölf minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in die ehemalige Pension ein. Zuvor hatte der Träger der Wohngruppe, der Jugendhilfeverein Timeout, die Nachbarn eingeladen, um sich ein Bild von dem Zuhause der jungen Menschen und der Arbeit mit ihnen zu machen.

Uli Freitag und seine Frau kennen das extravagante Haus mit der herrlichen Sicht auf Neustadt, dem Swimmingpool und der Sauna gut. Mit den ehemaligen Besitzern pflegte das Ehepaar ein gutes Miteinander. Dass hier mit zwölf ausländischen Jugendlichen nun besondere Nachbarn einziehen – die Freitags sehen es gelassen. "Wir schauen einfach mal, was da auf uns zukommt. Schön ist doch, dass in dem Haus wieder jemand wohnt."

Die neuen Bewohner, das sind zwölf junge Männer im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, die alleine aus Afghanistan, Gambia, Somalia, Sierra Leone und Syrien nach Deutschland geflohen sind. Weil es im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald zu wenig Betreuungsplätze für diese – wie sie im Amtsdeutsch heißen – unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMA) gab, waren die zwölf bislang in der kreiseigenen Containerunterkunft in Eschbach im Markgräflerland untergebracht. "Die Betreuung dort war nicht das, was man sich unter Jugendhilfe vorstellt", sagt die Leiterin der Außenwohngruppe im Lärchenweg, Kathren Schnatmann. Das soll nun sich ändern.

Denn mit dem Umzug nach Neustadt bekommen die Tage der Jugendlichen Struktur: Morgens besuchen sie zusammen mit den Bewohnern der ersten Timeout-Flüchtlingswohngruppe die Schule, die der Verein im von ihm betriebenen Thurner-Wirtshaus einrichtet. Anschließend gibt es dort Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung. "Dann kommen die sie nach Neustadt zurück – und haben erst mal Pause", erklärt Schnatmann. Abends wird gemeinsam gekocht, es gibt Workshops und auch die Integration in der Stadt soll etwa durch den Anschluss an die Sportvereine klappen. Allein gelassen werden die Jugendlichen nie: Rund um die Uhr sind an 365 Tagen im Jahr zwei Jugendsozialarbeiter im Haus. "Es geht um Betreuung, nicht um Bemutterung", macht Kathren Schnatmann deutlich. Die Jugendlichen müssen sich um den Haushalt selbst kümmern. Auch Wäschewaschen gehört dazu. Dafür wurde im Dachgeschoss ein extra Zimmer eingerichtet mit Wäscheständer und Bügeleisen eingerichtet. "Wir haben klar gemacht, dass die Frauen aus dem Betreuungsteam diese Aufgaben nicht übernehmen." Auch die Pflege des Gartens gehört zu den Pflichten.
In ihn gelangt man durch das Schwimmbad inmitten des Hauses. Es wird zugeschüttet und der dadurch entstehende Raum zum einen mit Fitnessgeräten bestückt und zum anderen in ein Büro umgebaut. Ansonsten wurde vom Kauf des Hauses vor erst wenigen Tagen durch den Verein Timeout bis zum Einzug am Freitag nichts umgebaut. Die Bäder haben ebenso den 70er-Look behalten wie manch Tapete in den Zimmern mit zwei und drei Betten. Auch ein Einzelzimmer gibt es. "Es kann sein, dass wir mal jemanden raus nehmen müssen, dass einer mal mehr Ruhe braucht", erklärt Kathren Schnatmann.

Zwölf jugendliche Flüchtlinge, das sind zwölf unterschiedliche Schicksale. Zwei der Jungs, erzählt Schnatmann, sind schon seit sechs Jahren auf der Flucht. "Sie haben sich auf der Reise kennengelernt und sind ein Team geworden – das zusammenbleiben und lernen will." Ein anderer ist mit seinem Bruder losgezogen, sie wurden getrennt. Vielleicht ist der Bruder tot. Die Zwölf wollen leben. Heute beginnt im Haus Lärchenweg Tag eins ihrer Zukunft.

"Wir alle sind aufgefordert, dabei zu helfen; Brücken zu bauen", sagt Daniel Götte, der Leiter von Timeout, vor den vielen Nachbarn, die der Einladung gefolgt sind. Götte hofft auf die wohlwollende Begleitung des Projekts durch die Umgebung und auf ein offenes und ehrliches Miteinander. Die direkte Nachbarin Gisela Alf ist dazu gerne bereit. Gespannt geht sie durch die Räume: "Schön, dass hier nach dem Leerstand wieder Leben einzieht." Und als Uli Freitag sich verabschiedet, reicht er Kathrin Schnatmann die Hand: "Ihnen und den Jugendlichen alles Gute." Wer weiß, vielleicht kommen die Nachbarn schon bald wieder – um syrisches oder afghanisches Essen kennenzulernen. Die Einladung steht.

von: Tanja Bury, Badische Zeitung vom15.04.2016