Der schwierige Weg zurück ins Leben

Erstellt von mhs | |   Presse

Der KZ-Zeitzeuge Leon Weintraub vermittelt Lebensmut bei den Timeout-Jugendlichen in Breitnau.

BREITNAU. Eine ungewöhnliche Begegnung: Ein 89- jähriger polnischer Arzt, Jude und KZ-Gefangener mit schrecklichen Lebenserfahrungen, sitzt vor gut 20 Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Weise selbst Probleme mit der Bewältigung ihrer Lebenswirklichkeit haben. Organisiert vom Freiburger Maximilian-Kolbe-Werk besuchte Leon Weintraub das Jugendhilfe Timeout im Hofgut Rössle auf den Nessellachen in Breitnau.

Mit seinem Bericht hält er als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen die Erinnerung an die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur wach. Er tat dies mit genauem Blick auf seine spezielle Zuhörerschaft: "Ich will meinen Weg zurück ins Leben beschreiben", sagt er und beginnt, über seine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen im polnischen Lodz zu erzählen. Er bringt sich selbst das Lesen bei und ist bereits in jungen Jahren begierig, möglichst viel zu lernen.

Familie wird gleich am ersten Tag im KZ getrennt

13-jährig erlebt er 1939 die Errichtung des jüdischen Ghettos unter dem Namen Litzmannstadt, wo bis zu 200 000 Juden zusammengepfercht waren. Hier erwirbt er sich im Rahmen der jüdischen Selbstverwaltung Kenntnisse zunächst in der Metallbearbeitung und dann im Elektrikerhandwerk. 1944 wird er nach Auflösung des Ghettos mit Mutter und Schwestern in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Sein erster Eindruck: Als Elektriker erkennt er sofort an den Isolatoren, dass durch den Stacheldrahtzaun elektrischer Strom geleitet wird. Die Familie wird gleich am ersten Tag getrennt, seine Mutter sieht er nie wieder. Er berichtet mit leiser, bisweilen brüchiger Stimme und soweit es geht um sachliche Distanz bemüht, über all die Gräuel der KZ-Realität mit Beispielen aus seiner persönlichen Erfahrung. Der tägliche Kampf ums Überleben führte bei ihm zur völligen katatonischen Abstumpfung mit der Folge, dass er während seiner gesamten KZ-Leidenszeit höchstens mit einer Handvoll Menschen gesprochen hat. Den verwendeten medizinischen Fachbegriff erklärt er anschaulich. Die Jugendlichen folgen seinen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit, sonst herrscht völlige Stille im Raum. Diese betroffene und dennoch wache Stimmung hält sich während des gesamten anderthalbstündigen Vortrags unverändert.

Nach Deportationen ins Außenlager Groß-Rosen und in die beiden KZ Flossenbrügg und Natzweiler-Struthof erlebt Weintraub die Befreiung kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs durch französische Truppen in Donaueschingen. Er will jetzt Arzt werden, besitzt aber nicht die dafür nötigen Schulabschlüsse. Mit starkem Willen und "Lernen bei Tag und Nacht" schafft er das externe Abitur und wird 1946 zum Medizinstudium in Göttingen zugelassen. 1950 kehrt er nach Polen zurück und wird Oberarzt in einer Warschauer Frauenklinik. Diese Stellung verliert er 1969, als in Polen der Antisemitismus wieder erstarkt. Mit seiner Familie emigriert er daraufhin nach Schweden. Weintraub schließt seinen Vortrag mit seiner festen Überzeugung, dass einem Menschen im Leben alles möglich sei, "was er zielbewusst, willensstark und mit großer Anstrengung verfolgt und sich nicht durch allerlei Versuchungen von diesem Weg abbringen lässt". Er wünscht allen Jugendlichen, dass sie für sich solche Ziele finden.

Der mit vielen reflektierten Lebensweisheiten angefüllte Vortrag beeindruckte die Jugendlichen tief. Später, am Tisch beim Mittagessen, sind sich Max und Niklas einig: "Wir hatten schon vorher Filme und Dokumente aus der Nazizeit im Unterricht behandelt, aber wenn man das alles von jemand hört, der es selbst erlebt hat, ist es nochmal etwas ganz anderes". Vanessa kann sich das ganze Leid mit den brutalen Folterungen und Tötungen gar nicht vorstellen und bricht in Tränen aus. Eva ist sich beinahe sicher, dass sie "das Ganze wohl nicht ausgehalten" und sich wahrscheinlich eher umgebracht hätte. Michelle kann gar nicht begreifen, dass man in Wasser aufgelöste Brotreste oder auf einer heißen Platte angewärmte Kartoffelschalen als seltene Delikatesse empfinden kann, "weil wir hier ja alles immer haben". Solche Reaktionen unterstreichen die Bedeutung von Weintraubs Botschaft: "Wir müssen das Geschehene lebendig halten. Die Intensität des Jetzt kann erlittenes Leid ausgleichen, aber nicht vergessen machen". Ein besonderer Schultag mit Nachhall.

von: Erich Krieger, in BADISCHE ZEITUNG vom 26.10.2015 ...>