Alpakas werden zur Therapie von Jugendlichen eingesetzt

Erstellt von mhs | |   St. Märgen

Grasen mit Fernsicht – für Alpakas nichts Besonderes. Aus ihrer Heimat, den Anden, sind sie das gewöhnt. Doch ein Schwarzwaldpanorama kennt nicht jedes Tier. Am Thurner werden acht Alpakas zu Therapiezwecken eingesetzt.

von Tanja Bury, Badische Zeitung vom 9. Mai 2017:

Grasen mit Fernsicht – für Alpakas ist das nichts Besonderes. Aus ihrer Heimat, den Anden, sind sie Höhe und grandiose Ausblicke gewöhnt. Doch ein Schwarzwaldpanorama hat nicht jedes der Tiere vor der langen Nase und den großen Augen. Rocco, Atreju und ihre sechs Kollegen haben das Glück: Sie sind die neuen Mitglieder in der Familie der Jugendhilfeeinrichtung Timeout und am Thurner Wirtshaus zu Hause. Dort werden die Tiere zur Hilfe eingesetzt, um den Jugendlichen zu helfen.

Freche Blicke und ulkige Geräusche

Es ist kein Summen, kein Quietschen oder Pfeifen und auch kein Schnurren, sondern irgendetwas dazwischen. Die Geräusche, die Alpakas machen, sind ebenso ulkig wie das Aussehen der Tiere. Der Kiefer schlägt beim Kauen massiv nach links und rechts aus, freche Blicke aus dunklen Augen, und Frisuren, die den Menschen daran erinnern, wie seine Haarpracht heute morgen direkt nach dem Aufstehen ausgesehen hat. "Ja, sie sind schon was ganz Besonderes", strahlt Matteo Tartari. Der Jugend- und Heimerzieher leitet die Inobhutnahmestelle von Timeout am Thurner und ist für die Pflege und Versorgung der Tiere zuständig – zusammen mit den Jugendlichen.

Durch ihre freundliche, offene, charmante und neugierige Art sind Alpakas sehr gut als Therapietiere geeignet, wie Tartari erklärt. "Sie nehmen Stimmungen ganz genau auf und reagieren darauf." Traurigkeit beispielsweise begegnen sie mit Nähe, für depressive Menschen kann das wie Medizin sein. "Sie müssen nicht erklären, wie es ihnen geht, die Tiere spüren es." Und ein Spaziergang mit den Alpakas – zum Beispiel durch den Hochschwarzwald – kann sehr erfüllend und entspannend sein.

Jugendliche übernehmen Verantwortung

Füttern, striegeln, Klauen pflegen – all das muss erledigt werden. "So lernen die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen", beschreibt Matteo Tartari. Sich nicht zu kümmern, weil man gerade "keinen Bock" auf die Alpakas hat, das geht nicht. Auch kann durch die Tiere Geduld gelernt werden. "Das Anlegen des Halfters kann auch mal eine halbe Stunde und länger dauern. Da muss man sich Zeit nehmen", so Tartari. Und noch etwas zeichnet die Alpakas aus: ihr gutes Gedächtnis. "Hat man sich dem Tier gegenüber schlecht verhalten, muss an der Beziehung gearbeitet werden." Das lässt sich auf die Situation mancher Jugendlichen übertragen: Sie haben Grenzen überschritten und damit Menschen vor den Kopf gestoßen, jetzt gilt es, Vertrauen zurückzugewinnen – und an sich zu glauben. "Auch dabei helfen die Tiere."

Sechs Hektar großes Gelände soll angelegt werden

Schon am Stammhaus der Jugendhilfeeinrichtung Timeout, dem Hofgut Rössle in der Breitnauer Nesselache, wird mit Tieren gearbeitet. Doch stehen hier die Nutztiere im Vordergrund. Am Thurner verfolgt Timeout einen anderen Ansatz. Die Alpakas – vier von ihnen stammen aus einer Zucht aus Stuttgart, der Rest aus Bayern – sind die ersten Bewohner eines Streichelzoos, der auf einem Teil des sechs Hektar großen Geländes am Thurner angelegt werden soll. Ziegen und Pferde sollen folgen. "Mit ihnen werden wir im Wald arbeiten." Dazu kommt ein großer Abenteuerspielplatz mit Sandkasten, Schaukel und Klettergerüst. "Gebaut von den Jugendlichen", sagt Matteo Tartari.

Ihm schwebt weiter vor, mit den Kindergärten und Schulen der Region Kooperationen einzugehen: Sie können Tagesausflüge zum Thurner und den Tiere unternehmen und soll es zusammen präventiv gearbeitet werden. "Kinder und Jugendliche bekommen nicht von heute auf morgen Probleme, das ist ein Prozess. Man muss ergründen, woher die Schwierigkeiten kommen – je früher desto besser", macht Tartari deutlich. Dadurch werde den Kindern vieles erspart.

Alpakas sind die Stars am Thurner

Derzeit sind eindeutig die Alpakas die Stars am Thurner. Sie ziehen viele Blicke auf sich, dadurch hätten auch die Probleme mit Rasern an der Thurnerkreuzung merklich nachgelassen, so Daniel Götte, geschäftsführender Gesellschafter bei Timeout. Die Autofahrer machen gerne langsam, um sich nach den Tieren umzudrehen, einige halten sogar an und kommen ans Gehege. Angst vor feuchten Attacken müssen die Besucher nicht haben. "Alpakas spucken Menschen nicht an, das ist eine Mär. Wenn sie spucken, dann nur auf Artgenossen."