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Wider die postfaktische Bildungspolitik

Von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer; in: Nervenheilkunde 2017; Nr. 36

Stellen Sie sich vor,

  1. Deutschlands Chef-Feuerwehrmann empfiehlt Brandbeschleuniger zum Löschen, und
  2. Deutschlands Chirurgen empfehlen neue Operationsmethoden, bei denen bisher alle Patienten verstorben sind. Man müsse eben nur noch die richtigen Konzepte für deren Anwendung erarbeiten, aber diese Kleinigkeiten sollten der Einführung der neuen Technologie jetzt sofort doch wirklich nicht im Wege stehen,
  3. dass die deutsche Automobilindustrie den Führerschein für 3-Jährige fordert. Schließlich müsse man die Kleinen frühzeitig auf die neue Technologie der Fortbewegung vorbereiten. Deutschland sei nun einmal die Welt-Auto-Nation-Nummer 1 und da könne man sich nicht leisten, gegenüber anderen zurück zufallen,
  4. dass die SPD vorschlägt, man solle die Unterschiede zwischen Arm und Reich vergrößern, ist schwer vorzustellen, aber versuchen Sie es bitte trotzdem,
  5. dass die Vereinigung der deutschen Winzer und Bierbrauer durchgesetzt hat, dass im Land des Bieres und Weines die nachkommende Generation endlich schon in Kindergarten und Grundschule flächendeckend und verpflichtend ein Alkoholkompetenztraining erhält – beginnend mit einem halben Schnaps am Tag. Das müsse sein, denn wir wollen unseren Vorsprung im Knowhow nicht verlieren, liegen wir doch im europäischen Durchschnitt beim Schnaps-Ausschank in unseren Bildungseinrichtungen deutlich abgeschlagen im unteren Mittelfeld.

Sie können sich das nicht vorstellen? Dann lesen Sie weiter, denn genau dies ist in Deutschland Realität! – Nicht bei der Feuerwehr, den Chirurgen, im Auto- oder Weinbaubau, sondern nur beim wertvollsten, wichtigsten, uns allen am nächsten liegenden höchsten Gut, das wir überhaupt haben – unseren Kindern. Wir wissen, was ihnen gut tut und was nicht – aufgrund zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen aus Medizin, Psychologie, Entwicklungspsychologie, Entwicklungsneurobiologie und kognitiver Neurowissenschaft. Junge Menschen brauchen Kontakt mit ihresgleichen, mit verständnis- und liebevollen Erwachsenen und mit der Natur. Den Umgang mit digitaler Informationstechnik hingegen – sei es in der Freizeit oder in Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen – brauchen sie nicht.

Junge Menschen brauchen Kontakt mit ihresgleichen, mit verständnis- und liebevollen Erwachsenen und mit der Natur.

Nach dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens schadet digitale Informationstechnik bei unkritischer Verwendung der körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Entwicklung junger Menschen und damit deren Gesundheit nachweislich (21, 23). Nachgewiesen wurden die folgenden Risiken und Nebenwirkungen: Bewegungs- mangel und Haltungsschäden, Kurzsichtig- keit, Übergewicht, Bluthochdruck, prädia- betische Stoffwechsellagen, Schlafstörun- gen (und dadurch Tagesmüdigkeit) sowie erhöhtes Risikoverhalten beim Ge- schlechts- und Straßenverkehr: Die Nutzung von sogenannten Geosocial Networking Apps fördert Gelegenheitssex und damit auch Geschlechtskrankheiten (25). Smartphones haben den Alkohol als Un- fallursache Nummer 1 abgelöst. Neben diesen körperlichen Problemen beobachtete man Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste, Depression (einschließlich Selbstverletzungen und Selbstmordgedanken), Stress, Sucht (Computer, Internet, Spiele, Smartphones), einschließlich mehr Alkohol- und Tabakkonsum sowie geringeren akademischen Erfolg bis zum Schulversagen. Zudem steigert digitale Informationstechnik die Aggressivität und vermindert die Empathiefähigkeit gegenüber Eltern und Freunden. Darüber hinaus beeinträchtigt insbesondere das Smartphone neben der Bildung die eigenständige Willensbildung und Empathiefähigkeit und damit die Grundfesten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Diese Risiken und Nebenwirkungen des Gebrauchs digitaler Informationstechnik sind umso ausgeprägter, je jünger die Menschen sind, die mit ihnen Umgang haben. Es gibt sogar eine Bevölkerungsgruppe, von der man nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis nicht mehr sagen kann, dass sie durch den Gebrauch der neuen digitalen Medien Schaden nehmen: Es sind die Rentner (3).

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus Nervenheilkunde 2017; 36: S. 205-212