Vom Überleben in der Todesfabrik

Erstellt von mhs | |   Schule

Auschwitz-Überlebender erzählt Schülern vom Schrecken

Der heute 90-jährige ehemalige Auschwitz-Gefangene Jacek Zieliniewicz schildert Breitnauer Schülern seine schrecklichen Erlebnisse. Und hat eine Botschaft: "Ihr seid verantwortlich für die Zukunft."

Der alte Mann bewegt sich mühsam zum Rednerpult im Saal der Jugendhilfe Timeout im Hofgut Rössle in Breitnau. Schwer, mit gebeugtem Rücken, stützt er sich auf und beginnt mit leiser, brüchiger Stimme zu sprechen. Jacek Zieliniewicz aus Konskie in Polen ist heute 90 Jahre alt und einer der noch wenigen lebenden Zeitzeugen aus dem Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz. 

Er spricht langsam, bedächtig, mit sparsamer Mimik, aber seine Augen sind hellwach. Von Anfang an lastet gespannte Stille in dem mit den Jugendlichen und einigen externen Gästen vollbesetzten Saal. Kein Stühlerücken, kaum einmal ein Räuspern ist zu hören. Zunächst bilanziert Zieliniewicz.

Zwei Drittel der Ankommenden werden sofort in die vier Gaskammern geschickt

Auschwitz, das heißt: Unendliche Ketten von Deportationszügen Tag und Nacht zwischen 1942 und 1944 mit Juden, Polen, russischen Kriegsgefangenen, Sinti und Roma, Homosexuellen und politischen Gegnern des Naziregimes. Selektionen an der Rampe durch Daumenbewegungen – zwei Drittel der Ankommenden werden sofort auf den Weg in die vier Gaskammern geschickt, ein Drittel zur "Vernichtung durch Arbeit" in die verlausten Pferdestallbaracken des ständig mit bis zu 140 000 Häftlingen belegten Konzentrationslagers. Organisierter Massenmord an mehr als einer Million Juden, insgesamt 400 000 registrierte Häftlinge.

Einer von ihnen ist seit dem 20. August 1943 Jacek Zieliniewicz. Er hat die Nummer 138142, sie ist bis heute auf seinem linken Unterarm eintätowiert. Den Grund für seine Verschleppung am frühen Morgen durch die Gestapo kennt er bis heute nicht.

Qualen durch Hunger, Durst, Kälte und Entkräftung

"Vielleicht nur, weil ich ein Pole war". In Auschwitz wird sein Transport von einem SS-Mann mit Namen Fritsch und den Worten empfangen: "Hier ist kein Sanatorium, sondern ein deutsches Konzentrationslager. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Kamin des Krematoriums".

Zieliniewicz schildert in Breitnau detailliert den täglichen Terror der Wachmannschaften und die Qualen durch Hunger, Durst, Kälte und Entkräftung. Anhand von Lagerskizzen erklärt er den Aufbau der Todesfabrik. Auf dem täglichen Weg zu den schweren Arbeitseinsätzen sah er die Menschenschlangen auf dem Weg zu den Gaskammern, die nie verschwindenden Rauchsäulen aus den Schornsteinen der Krematorien.

"Den Geruch habe ich noch heute in der Nase." Weil es ums nackte Überleben jedes Einzelnen ging, war "jeder im Lager ein Feind". Dennoch erzählt er von barmherzigen Mithäftlingen, die mit einem Stück Brot, aber noch viel wichtiger mit Tipps zum Überleben halfen.

1944 wird Zieliniewicz in das Außenlager des elsässischen KZs Natzweiler-Struthof nach Dautmergen bei Rottweil verschleppt. Für ihn sind die dort herrschenden Zustände zunächst noch schlimmer als in Auschwitz. Um zu überleben brauchte man Hoffnung und Glück. Letzteres widerfuhr Zieliniewicz, als er aufgrund seiner Deutschkenntnisse dem Rechnungsführer des Lagers als Kalfaktor zugewiesen wurde.

Er musste dessen Essen holen und der SS-Mann schickte ihn erneut für eine zweite Portion, die er seinem Gefangenen gab. Er bat ihn sogar an seinen Tisch mit den Worten: "Du bist genau so ein Mensch wie ich". Für den 90-jährigen bis heute ein Rätsel: "Eine SS-Uniform und darin ein anständiger Mensch".

Verzeihen - das ist Arbeit für Gott

Im April 1945 erlebt Zieliniewicz die Befreiung auf dem Evakuierungsmarsch in Altshausen in der Nähe des Bodensees. Er wird in Herbertingen einquartiert, kommt langsam zu Kräften und kehrt im Dezember 1945 in seine Heimat zurück. 50 Jahre lang hat er kein deutsches Wort mehr gesprochen.

Erst 1995, als er das erste Mal zu einer Begegnungswoche ehemaliger KZ-Häftlinge nach Deutschland kam, hat er sich überwinden können und seither bei vielen Besuchen zahlreiche Freunde gefunden. Mit sechs Kollegen habe er beschlossen, ihre Erlebnisse weiter zu geben, damit "sich das nie wieder ereignen kann". Seither haben sie in vielen Schulen in Deutschland und in Polen gesprochen. "Heute bin bloß noch ich von unserer Gruppe übrig. Beim Besuch von Papst Franziskus im Juli diesen Jahres in Auschwitz waren nur noch 100 überlebende ehemalige Häftlinge anwesend." 

Eindringliche Botschaft an die Jugend

An die Jugend richtete er eindringlich seine Botschaft: " Ihr seid nicht verantwortlich für vergangene Zeiten, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft. Wie es wird ist eure Sache". Auf die Frage eines Jugendlichen, ob er denn nach all diesen Erlebnissen jemals seinen Peinigern verzeihen könne, antwortete der Hochbetagte: "Wem? Man kann dies nicht verzeihen, das ist Arbeit für Gott. Aber man kann alles dafür machen, dass man ein Mensch für andere Menschen wird."

Text: Erich Krieger, in: Badische Zeitung vom 20. November 2016 ...>