Ein Mittelalterliches Mysterienspiel

 

Die Kumpanei

Seit seiner Gründung im Jahr 2002 spielt die Timeout Jugendhilfe alljährlich vor dem Weihnachtsfest das Oberuferer Christgeburtspiel. Zur Kumpanei gehören Kinder und Jugendliche, Erzieher und Lehrer, Freunde und Mitbürger.
Zu den Herbstferien werden jeweils die Rollen verteilt und es beginnt die mehrwöchige Probezeit. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien findet traditionell die Aufführung statt, zu der alle Angehörigen, Freunde und Mitbürger herzlich eingeladen sind.

 

Das Christgeburtspiel 

führt mitten in die winterlich-dunkle Welt der physischen und seelischen Kälte. Joseph ist arm und von Alter gezeichnet, Maria ist schwanger. Ein Gebot des Kaisers nötigt die beiden in dieser Situation eine weite Reise anzutreten, um sich zählen zu lassen. Ehemalige Freunde überlassen das Paar mit fadenscheinigen Ausreden dem nächtlichen Frost. Der Stall, den der dritte Wirt den beiden anbietet, wird zum notdürftigen Haus Gottes. In den Hirten treffen wir auf Menschen, die sich in der Winterwelt auf ihre Weise eingerichtet haben. Derb und ungehobelt wie sie sind, haben sie in ihren Herzen Ehrfurcht, Liebe und Begeisterungsfähigkeit bewahrt. Sie sind empfänglich für den Ruf des Engels im Traum und erkennen den verheißenen König und Gottessohn in dem Kind, das sie unter erbärmlichen Bedingungen vorfinden. Ihre Herzen erwärmen sich für das göttliche Licht - die Christussonne.

 

Weihnachtsspiel aus altem Volkstum

gründen sich auf die mittelalterliche Tradition, zentrale Inhalte der Heiligen Schrift in der Form von Schauspielen dem Volksgemüt nahe zu bringen. Oberufer war ein Dorf auf der Donauinsel Schütt in der Nähe von Preßburg (Bratislava). Manche Textstelle lässt auf eine Verbindung zum Bodenseeraum schließen und so kann man annehmen, dass sie von dort aus mit Siedlern nach Osten kamen. Diese bewahrten die Spiele als Teil ihrer nationalen Identität und erhielten sie sich durch Jahrhunderte hindurch unverfälscht, ohne wie an anderen Orten nach dem Zeitgeschmack Veränderungen vorzunehmen. Im 17.Jahrhundert waren diese Spiele weit verbreitet, jedoch weiß man nicht, wann sie eigentlich entstanden sind. Sie gehörten eben zur Volkskultur und ließen gerade bei den Menschen, die nicht schreiben und lesen konnten, die natürlich auch das Kirchenlatein nicht verstanden, ein bildhaftes Verstehen für das Christentum entstehen. So ist auch in einer Vorrede angedeutet, dass die Geistlichen diese Spiele, in denen sich die einfachen Menschen die Bilder des Christentums aneigneten, allenfalls duldeten. Durch den Hochschullehrer und Sprachforscher Karl Julius Schröer war Rudolf Steiner auf diese Spiele aufmerksam geworden. Auf seine Anregung hin wurden sie vor rund 100 Jahren in den damals neu entstehenden Waldorfschulen aufgeführt als „Weihnachtsgeschenk der Lehrer an die Schüler".

 

Spielpraxis in Oberufer

Eine Familie in Oberufer hatte das Lehrmeisteramt. Alle paar Jahre rief der Lehrmeister die Burschen aus dem Dorf zusammen. Jeder, der mitspielen wollte, durfte erstens nicht zu Dirnen gehen, zweitens keine Schelmenlieder singen während der ganzen heiligen Zeit, musste drittens ein ehrsames Leben führen und viertens dem Lehrmeister unbedingt Folge leisten. Für alle Vergehen war eine Geldstrafe ausgesetzt, auch für jeden Gedächtnisfehler im Spiel. Wenn die Feldarbeit im Herbst zu Ende ging, wurde Tag und Nacht geprobt. Vom ersten Advent bis Heilige Dreikönige wurde an allen Sonn- und Feiertagen gespielt. Im Anschluss an die Weihnachtsspiele wurde, wie nach Trilogien im alten Griechenland, noch ein lustig-derbes Fasnachtsspiel gezeigt.