Nuancierte Feinfühligkeit, technische Perfektion

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Ulrike Wirth schließt mit ihrem Programm "Lebensstufen" den diesjährigen Konzertzyklus der "Kultur im Rössle".

von: Erich Krieger in Badische Zeitung vom 27. September 2017

BREITNAU. Die biografischen Stationen Kindheit, Lebensmitte und Alter charakterisieren grob die menschlichen Entwicklungsstationen im Leben. Die renommierte Konzertpianistin Ulrike Wirth ist selbst nach langjähriger Dozententätigkeit an der PH Freiburg, dem Musikseminar Hamburg und der Freien Universität Witten-Herdecke und als Musiklehrerin und Chor- und Orchesterleiterin an der Freien Waldorfschule Freiburg Wiehre an einem neuen Lebensabschnitt angekommen und widmet sich künftig ausschließlich ihrer Konzerttätigkeit.

Für das Abschlusskonzert des diesjährigen Veranstaltungszyklus der Timeout Jugendhilfe in den Nessellachen in Breitnau wählte die Künstlerin unter dem Titel "Lebensstufen" Kompositionen des frühen Mozart, des mittleren Beethoven und des späten Schubert, die man auch ihrem musikalischen Gehalt nach hörbar deren jeweiligem Lebensalter zuordnen könnte. Zum Auftakt allerdings erlebte das Publikum im vollbesetzten Festsaal mit dem Prélude Nr. 12 "Feu d`artifice" von Claude Debussy ein wahrhaft funkensprühendes Feuerwerk, explosiv aufbrausend und ein lautmalerisches Bild seinem Titel entsprechend zeichnend.

Die Lebensstufen leitete die Künstlerin entgegen dem wahren Leben mit dem Spätwerk Franz Schuberts "Impromptus op.90" in Ges-Dur ein. Elegisch gesettelte Altersweisheit sprach aus dem nuancierten Spiel von Ulrike Wirth, das jedem Ton, jeder Phrase ihre reflektierte Bedeutung ließ. Vorwärtstreibender Rhythmus im Stil galoppierender Pferde bestimmte den ersten Satz der folgenden "Sonate Nr. 21, op. 53" von Ludwig van Beethoven. Sensibilisiert für den programmatischen Biografie-Rahmen assoziierte man unwillkürlich einen kraftvoll strebhaften, bisweilen fast rücksichtslosen Aufbruch in ein stressbehaftetes Berufsleben.

Möglich, dass sich im zweiten Satz, der in nachdenklichem adagio molto gehaltenen Introduzione, ein Erschöpfungszustand oder ein Karriereknick widerspiegeln könnte, dessen Innehalten aber im abschließenden Rondo-Satz zugunsten eines vorwärtstreibenden "weiter so" verworfen wird. Nicht nur die hohen technischen Anforderungen dieses komplexen Werks meisterte Ulrike Wirth bravourös, sie verstand es noch vielmehr, interpretatorische Ausrufezeichen zu setzen. Spielerisch ausgelassene Kindheit wurde dann in den drei Sätzen der "Sonate Nr. 12" KV 332 des jungen Wolfgang Amadeus Mozart musikalisch ins Bild gesetzt. Voll unschuldiger Lebensfreude reihten sich die hüpfend-tanzenden Tonkaskaden zur Freude des Publikums aneinander und beendeten den tönenden Lebenszyklus.

Einen würdigen Schlusspunkt setzte die begeisternde Pianistin mit dem "Präludium und Fuge in b-moll" aus dem "Wohltemperierten Klavier, 1. Teil" von Johann Sebastian Bach. Dem extraordinären Konzert entsprach langanhaltender Beifall eines dankbaren Publikums. Wieder ein weiteres denkwürdiges Ereignis in der Reihe der hochkarätigen Veranstaltungen von "Kultur im Rössle". Man darf nun auf das kommende Veranstaltungsjahr gespannt sein. Leider findet bisher nicht immer diese große Anzahl von Musikliebhabern den etwas abgelegenen Weg auf die Nessellachen.