Ein Spiegel der eigenen Lebenssituation

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Jugendliche und Mitarbeiter der Timeout-Jugendhilfe in Breitnau führen das Oberuferer Christgeburtsspiel auf.

von Erich Krieger, aus: Badische Zeitung vom 18.12.2017

BREITNAU. Die Sprache mitten aus dem Leben gegriffen, die Charaktere ebenso: Jugendliche und Mitarbeiter der Timeout-Jugendhilfe bringen das jahrhundertealte Oberuferer Christgeburtsspiel am kommenden Mittwoch, 20. Dezember, auf die Bühne. Bei der Jugendhilfe ist man überzeugt, dass sich die Jugendlichen mit dem Stück stark identifizieren und aus ihm positive Selbstwertimpulse ziehen können – auch wenn das Christgeburtsspiel schon viele hundert Jahre alt ist.
 
Im 15. oder 16. Jahrhundert, genau weiß man es nicht, brachten Auswanderer aus dem Bodenseeraum die Tradition der mittelalterlichen Mysterienspiele, darunter auch volkstümliche Darstellungen des weihnachtlichen Geschehens, in den Ort Oberufer bei Bratislava ins heutige Ungarn. Sie bewahrten ihren spezifischen Dialekt als Relikt ihrer Herkunft nahezu unverfälscht. Solche Spiele hatten große Bedeutung bei der Vermittlung christlicher Inhalte beim einfachen Volk, denn auch Luthers Bibelübersetzung von 1521 half da wenig, weil nur eine Minderheit lesen und schreiben konnte und die Messe auf Lateinisch gelesen wurde.
 
Die Sprache war mitten aus dem Leben gegriffen, derb und direkt, die Charaktere ebenso und der Blickwinkel war der des armen, vielfach leidenden niederen Volkes. Der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, entdeckte die Texte der Oberuferer Weihnachtsspiele wieder und regte vor fast 100 Jahren an, diese als Geschenk der Lehrer an die Schüler der Waldorfschulen an Weihnachten aufzuführen. So geschieht es bis heute an nahezu allen Waldorfschulen.

Nicht jedoch bei Timeout in den Nessellachen bei Breitnau. Dort erarbeiten die Jugendlichen gemeinsam mit den Mitarbeitern der Jugendhilfeeinrichtung die Inszenierung des jahrhundertealten Christgeburtsspiels. Für Hubert Schwizler, dem schulischen Leiter, ein wesentlicher Aspekt: "Bei uns leben überwiegend Jugendliche, die sich von der Welt der Erwachsenen verraten und verkauft fühlen und es vielfach auch sind. Im gemeinsamen künstlerischen Spiel außerhalb des normalen Tagesablaufs begegnen sie durch ihre freiwillige Teilnahme ohne jeden Druck den Erwachsenen gleichberechtigt auf Augenhöhe."
 
Nach einigen Anfangsproblemen, die die ungewohnte Mundart und das Auswendiglernen des Textes mit sich brächten, gewinne im Probeprozess jedoch immer die positive Empfindung die Oberhand, durch gemeinsame Ausdauer und Anstrengung selbst etwas Wertvolles geschafft zu haben. Zumal der Inhalt des Spiels die eigene Lebenssituation im übertragenen Sinne widerspiegle: Maria und Josef sind auf der Flucht, sie werden überall abgewiesen, landen in fremder Umgebung und jeder Zugehörigkeit entwurzelt wie Vieh im Stall. Ähnliche Erfahrungen hätten die Jugendlichen in unterschiedlichster Form selbst hinter sich oder sind sogar direkt damit konfrontiert, denn bei Timeout werden auch unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge betreut, so Schwizler.
 
Im Oberuferer Christgeburtsspiel kommen mit den Hirten die Ärmsten der Armen zuerst zum neugeborenen Jesus, nachdem sie sich während eines langen und schwierigen Wegs durch Eis und Schnee gekämpft haben. Dabei verhalten sie sich auf dem Weg teilweise alles andere als solidarisch zueinander, indem einzelne Hirten situativ den eigenen Vorteil über das gemeinsame Unternehmen stellen. Am Ende überwiegt aber ihre Ehrfurcht vor dem Ruf des Engels im Traum, die ihnen die Kraft verleiht, sich auf etwas Höheres, als das eigene Schicksal zu konzentrieren.
 
In den Aufführungen seit der Gründung von Timeout habe sich laut Schwizler immer wieder gezeigt, dass von diesem uralten Stück immer noch die Kraft für entsprechende Identifikationsmöglichkeiten für die Jugendlichen ausgeht und daraus starke positive Selbstwertimpulse erwachsen können. Bei einem Probenbesuch in einem noch frühen Stadium wurde schon deutlich, mit welcher Entschlossenheit die gemischte Truppe zu Werke ging und man kann den Besuch der Aufführung dieses etwas anderen Weihnachtsspiels nur empfehlen.
 
Aufführung am Mittwoch, 20. Dezember, 19 Uhr, Festsaal im Hofgut Rössle, Nesselllachenweg 14, Breitnau