"..., dass man ein Mensch für andere Menschen wird."

Erstellt von mhs | |   Breitnau

Trauer um eine große Persönlichkeit - Zum Tode von Jacek Zieliniewicz

Heute erreichte uns die Nachricht, dass Jacek Zieliniewicz am Pfingstmontag, nur wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag, in Bydgoszczs/Polen gestorben ist.

Am 20. August 1943 wurde Jacek Zieliniewicz als Siebzehnjähriger von der Gestapo verhaftet. Er kam als politischer Häftling mit der Nummer 138142 nach Auschwitz-Birkenau. Nach einem Jahr wurde er ins KZ Dautmergen, ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof, gebracht, wo für ihn die Lebens- und Arbeitsbedingungen noch katastrophaler waren. Französische Truppen befreiten ihn im April 1945 auf dem Todesmarsch bei Ostrach. 19-jährig kehrte er nach Polen zurück, studierte, gründete eine Familie und zog zwei Töchter groß.

Erst 50 Jahre später gelang es ihm, über seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu sprechen. Als einer der letzten Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust sah er seine Lebensaufgabe schließlich darin, "die Jugend zu Menschen zu erziehen, die sich für die Zukunft verantwortlich fühlen. Eine Zukunft, die es allen ermöglicht zu lernen, zu arbeiten, zu spielen und sich des Lebens zu erfreuen."

Bei einer seiner letzten Reisen nach Deutschland besuchte er im Herbst 2016 die Hofgemeinschaft des Rössle auf den Nessellachen, um auch vor uns Zeugnis über die leidvolle Vergangenheit und den NS-Terror abzulegen. 

Mühsam bewegte er sich damals zum Rednerpult im Festsaal des Hofgut Rössle. Mit gebeugtem Rücken stützte er sich auf und begann mit leiser, brüchiger Stimme zu sprechen. 

Er sprach langsam, bedächtig, mit sparsamer Mimik, aber seine Augen waren hellwach. Von Anfang herrschte aufmerksamste Stille in dem mit den Jugendlichen und einigen externen Gästen vollbesetzten Saal. Kein Stühlerücken, kaum einmal ein Räuspern war zu hören.

Er schilderte detailliert den täglichen Terror der Wachmannschaften, die Qualen durch Hunger, Durst, Kälte und Entkräftung. Anhand von Lagerskizzen erklärte er den Aufbau der Todesfabrik. Auf dem täglichen Weg zu den schweren Arbeitseinsätzen sah er die Menschenschlangen auf dem Weg zu den Gaskammern, die nie verschwindenden Rauchsäulen aus den Schornsteinen der Krematorien.

An die Jugend richtete er eindringlich seine Botschaft: "Ihr seid nicht verantwortlich für vergangene Zeiten, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft. Wie es wird ist eure Sache".

Im Deutschen, so sagte er, gebe es drei schöne und wichtige Wörter, die mit dem "F" beginnen: Freiheit, Friede und Freundschaft. "Ich habe niemals gedacht, dass ich in Deutschland Freunde finden würde. Seit über 20 Jahren bin hier in Deutschland ein Freund zwischen Freunden."

Auf die Frage eines Jugendlichen, ob er denn nach all diesen Erlebnissen jemals seinen Peinigern verzeihen könne, antwortete der Hochbetagte damals: "Wem? Man kann dies nicht verzeihen, das ist Arbeit für Gott. Aber man kann alles dafür machen, dass man ein Mensch für andere Menschen wird."

Mit großer Lebendigkeit erinnern wir uns seines Besuches. Mit seiner Klugheit, seiner Güte, seiner Milde und seinem tiefen Ernst hat er uns reich beschenkt.

Wer ihm begegnete, sah sich durch die Begegnung mit ihm verändert.

Wir danken ihm für seine Freundschaft.