Wenn Worte lebendig werden

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Zwei Schweizerinnen gastieren mit ihrem Sprechchor aus Studierenden im Hofgut Rössle auf den Nessellachen

von Volker Rothfuß, in: BADISCHE ZEITUNG vom Mittwoch, 06. Juni 2018

BREITNAU. Im Alltag hat die menschliche Sprechstimme unstreitig praktischen Nutzen. Ohne sie wäre der Austausch zwischen uns Menschen ungleich erschwert. Aber kann die hörbare Stimme beim Sprechen zur Kunst werden? Ja, wenn wir uns der Poesie befleißigen und beim Sprechen nicht einfach nur oberflächlich "performen".

Für eine kleine Schar Zuhörer wurde solch ein poetischer Klangraum auf teils hohem Niveau hautnah bei Timeout im Hofgut Rössle erlebbar. Die stationäre Jugendhilfe in den Nessellachen hatte mit Agnes Zehnter und Monika Gasser zwei Dozentinnen für Sprachgestaltung aus der Schweiz mit ihrem Sprechchor zu Gast. Speziell für die Aufführung "Unter der Sonne Licht" hatte man ein Programm zusammengestellt, das von sechs Frauen und zwei Männern vorgetragen wurde, insgesamt 26 Gedichte, abwechselnd solo, als Trio oder im ganzen Chor mit Texten von namhaften Dichtern wie Goethe, Schiller, Mörike und Hölderlin. Die eigentliche Entdeckung für eher Unbedarfte aber war zweifelsohne der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer, 1828 bis 1898.

Außergewöhnlichen Hörgenuss bot außerdem der Schauspieler und Studierende Tornike Bluashvili. Der in der Tradition des russischen Theatermanns und Bühnenforschers Konstantin Stanislawski ausgebildete Georgier hat sich zur Vervollkommnung seiner Kunst der fünfjährigen Ausbildung zum Sprachgestalter unterzogen und rechnet damit, in Kürze seinen Abschluss machen zu können. Danach will er im georgischen Tiflis Lehrer und Schüler an der Waldorfschule unterrichten. In "Wie die Sterne entstanden" des im Jahr 1998 gestorbenen Norwegers Dan Lindholm bestach Bluashvili durch sinntragende Verwandlung, kraftvollen Ausdruck und vielem, was Struktur und Inhalt eines Gedichts vollendet auszusprechen vermag. Der Schauspieler versteht es zudem, nicht über das Publikum hinweg zu sprechen, sondern in der Art, wie dieses zuhört, das Sprechen zu gestalten. Sein Credo: "Entstehen lassen, was hinter den Worten lebt."

Sprechen mit Chor und Solo im Unterricht mit Jugendlichen gehört bei Timeout zum Standard. Hubert Schwizler, der für das Timeout-Kulturprogramm zuständig ist, betont: "Das bewusste Ergreifen von Sprache bringt für den Einzelnen zu Gehör, was sich nur im Wort ausspricht. Etwas, das es wert ist, gepflegt zu werden."

Dabei kommen gerne Stücke aus dem großen Werk des Zürichers Conrad Ferdinand Meyer zum Einsatz. Seine fein geflochtenen Zeilen sind ideal zum Üben, weshalb Stücke von Meyer auch an diesem Tag einen Großteil des Programms bildeten. Statt hymnischen Überschwangs wie sonst gerne bei Romantikern bietet der Schweizer am Gedichtende prägnante Wendungen, die zur Selbstreflexion einladen. In "Der Möwenflug" erfährt der Hörer von Möwen und ihren gespannten Schwüngen, die "schimmernd weiße Bahn beschreibend" und "tief im Meer als hoch in Lüften oben" sodann die Frage nach Trug und Wahrheit stellen: "Bist du echt beflügelt/oder nur gemalt und abgespiegelt?" Die Frage ist von den Künstlern dieses Fachs durchaus ernst zu nehmen. Meyer bietet in seiner Poetologie jedoch auch die Antworten mit griffigen Themen, edel gewählten Symbolen und markanten optischen Situationen.

Leiterin Agnes Zehnter ist Studiengangsleiterin in therapeutischer Sprachgestaltung und Dozentin für Rhetorik. Für sie war es "eine Freude, mit einem Blumenstrauß an Texten in den Hochschwarzwald" zu kommen. Bei "Kultur im Rössle" glänzte sie in der Vergangenheit bereits in einer Lesung aus Briefen von Sophie Scholl und in einem Lyrischen Requiem zum Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938. Zusammen mit Kollegin Gasser und ihrem Ensemble aus Studierenden hat sie dem kulturellen Alltag auf den Nessellachen dieses Mal kein nachdenkliches, sondern ein überaus sonniges Licht mitgebracht.