Intensivpädagogische Mädchengruppe "Vogelnest"

Eröffnung zum 1.März 2018!

Problem und Bedarf

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und weit darüber hinaus ist seit Jahren ein Mangel an stationären Hilfsangeboten für Mädchen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren festzustellen, die besonderer intensivpädagogischer Betreuung bedürfen. Innerhalb der normalen Wohngruppen ist es regelmäßig nicht oder nur sehr schwer möglich, diesen Mädchen - mit differenzierten Formen der Betreuung - bedürfnisgerecht und ausreichend jenen "sicheren Ort" und gute Grenzen zu geben, die sie brauchen, um sich angemessen weiterzuentwickeln. Dieser Mangel wirkt sich oft auch nachteilig für die anderen Gruppenmitglieder aus. Mit dem Angebot unserer intensivpädagogischen Mädchengruppe in Titisee-Neustadt wollen wir diesem Mangel begegnen.

Pädagogisch-therapeutische Ausrichtung der Intensivgruppe

Das Angebot ergibt sich aus dem Bedarf, der in den überwiegenden Fällen von multi-traumatischen Erfahrungen und anderen belastenden Faktoren geprägt ist, und zielt auf ein adäquates pädagogisch-therapeutisches Milieu.

Dieses fußt auf folgenden Grundsätzen:

  • Schaffung eines “Sicheren Ortes”
  • "Schützende Inselerfahrungen", Räume des Verstehens und immer wieder neu Anknüpfens an eine konstruktive Veränderungsmöglichkeit.
  • Schutz vor schädigenden Einflüssen von außen (Vermeidung von Retraumatisierungen)
  • Stärkung des inneren Sicherheitgefühls durch geeignete Beziehungs-/Bindungsangebote (Aushalten/ Kontinuität)
  • Bedingungslose Anerkennung des/der subjektiv erfahrenen Leids/Not(-lage)
  • Schaffung eines pädagogisch-therapeutischen Milieus durch partizipative Integration in eine klare, nachvollziehbare und verlässliche Alltagsstruktur mit ergänzenden handwerklichen, künstlerischen und schulischen Angeboten (Umkehr des “Selbstunwirksamkeits-Prinzips”, der durch das Psychotrauma verfestigten Erwartung, alles Handeln sei vergeblich)
  • Angebot stabiler Beziehungs- und Bindungserfahrungen als Grundlage für Sicherheit und Traumabewältigung/"Neuanfang"

Trauma-/Problembewältigung

  • Fachkompetente Wahrnehmung und Einordnung der Symptomatik unter Zuhilfenahme der regelmäßigen konsiliarischen Begleitung/Beratung durch: Psychiater/in sowie ständige Fortbildung intern und extern
  • Individuelle Ausrichtung des Hilfeprozesses entlang der gewonnen Erkenntnisse und interdisziplinärer Beratung im Einzelfall
  • Multimodales/interdisziplinäres Clearing
  • Psychosoziale Diagnose, Biografieanalyse, ggf. andere Verfahren als Grundlage "traumasensibler Intervention"
  • Dokumentation auch für Klienten in adäquater Weise zur Sensibilisierung für transgenerationale Wirkmechanismen
  • Traumaarbeit ohne Erwartung an "Erfolg" der Bewältigung oder zeitliche Dimension

Interdisziplinäre Arbeit als Grundlage für eine gelingende Reintegration in den Alltag nach der Maßnahme und zur Vermeidung von Hilfeabbrüchen

durch Einbeziehung von:

  • Eltern, Umfeld des Kindes, Klinik, Schule, Ärzte, Therapeuten, Einrichtungen, ggf. Weißer Ring, Anwälte, Wildwasser, andere Institutionen
  • Schnittstellenarbeit Sozialarbeit KJP/ Sozialarbeit Heim

Team

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen stellt die Mitarbeiterinnen vor besondere Herausforderungen.

Das Verletzungsrisiko ist erhöht und erfordert Sicherheitskonzepte, die einerseits passiv, besonders aber in fachlicher Kompetenz (Erkennen von Triggern, Bewusstsein von der Wirkweise pädagogischer Maßnahmen bei traumatisierten Menschen etc.) begründet sein sollen. Hierzu werden die MitarbeiterInnen ständig fortgebildet.

Die Supervision, sowie das eigens dafür entwickelte Konzept zur Nachsorge bei Übergriffen auf Mitarbeiterinnen bilden wichtige Instrumente zur Abwendung von Folgeschäden.

Gesetzliche Grundlagen

Die gesetzlichen Grundlagen für die Betreuung in unserer intensivpädagogischen Mädchenwohngruppe "Vogelnest" in Titisee-Neustadt ergeben sich aus den §§ 27 ff, § 34, § 35a SGB VIII.

Eine vertragliche Grundlage, an der sich der örtliche Träger der Jugendhilfe und TIMEOUT orientieren werden, ist der Rahmenvertrag nach §§ 78f SGB VIII für Baden-Württemberg (nachfolgend: RV-BW 2016).

Auftrag und Zielsetzung

Durch die Verbindung von erfahrungsgesättigtem Alltagserleben, pädagogischer Begleitung und besonderen geschlechtsspezifischen, auch therapeutischen, Angeboten wird der gesetzliche Auftrag in Orientierung an den nach § 36 SGB VIII im Hilfeplan vereinbarten Zielsetzungen erfüllt.

Die Zielsetzungen des Leistungsangebotes sind unter Berücksichtigung der besonderen Prägung von TIMEOUT durch den land-, forst- und hauswirtschaftlichen Tagesablauf an mehreren operativ vernetzten Standorten sowie der Möglichkeiten für differenzierte therapeutische Angebote und Praktika entsprechend den jeweiligen Vereinbarungen im Hilfeplan wie folgt näher zu bestimmen:

  • Rückkehr des jungen Menschen in seine Familie
  • Alternativ: Fortsetzung der Hilfe in einer weiterführenden Hilfeform (z.B. Übergang in eine normale Wohngruppe oder Betreutes Jugendwohnen)
  • Vorbereitung auf die Verselbständigung auch außerhalb geschützter Räume
  • Förderung autonomen Verhaltens und der Verselbständigung in allen Phasen der Betreuung
  • Wiedereingliederung in das vorherige und/oder Eintritt in ein neues Lebensumfeld

Damit sind einzelfallabhängig weitere konkrete Ziele verbunden, wie z.B.

  • Vermittlung von Vertrauen und Sicherheit durch einen strukturierten Alltag in geschützten Räumen
  • Abbau oder Kompensation von Störungen und Defiziten im Bereich der emotionalen, psychosozialen, kognitiven und körperlichen Entwicklung
  • Geschlechtsspezifische Förderung der Fähigkeit, Grenzen zu ziehen und sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen
  • Mobilisierung der individuellen Stärken des jungen Menschen und Stärkung des Selbstbildes aus der Reflexion auf Stärken und Schwächen
  • Förderung der Persönlichkeitsentfaltung im biographischen Kontext und Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten
  • Entwicklung von Lebens- und Zukunftsperspektiven
  • Schulische und/oder berufliche Integration sowie soziale Integration ins Gemeinwesen (Sozialraumorientierung)
  • Förderung der Erziehungsbedingungen im Elternhaus und/oder im familiären Umfeld
  • Erhalt und Entwicklung sozialer Bezüge außerhalb der Einrichtung
  • Übernahme von Verantwortung für das eigene Verhalten
  • Lernen, sich ohne falschen Anpassungsdruck als konstruktives Mitglied der Gesellschaft zu begreifen
  • Auseinandersetzung mit der nur individuell erfahrbaren Lebenswirklichkeit
  • und Erlernen eines reflektierten und adäquaten Verhaltens in dieser Lebenswirklichkeit

Zu betreuender Personenkreis (Zielgruppe)

Unsere Mädchenintensivgruppe „Vogelnest“ stellt ein spezielles Hilfsangebot für Mädchen dar, die aufgrund besonders verletzender und schädigender Erfahrungen eine besondere interdisziplinäre sowie betreuungsintensive stationäre Jugendhilfeförderung benötigen.

Häufig sind die Mädchen schon psychiatrisch auffällig geworden und bringen meist eine oder mehrere der folgend aufgelisteten Diagnosen oder Verdachtsdiagnosen mit:

  • Selbstverletzendes Verhalten
  • Essstörungen (z.B. Anorexie, Adipositas)
  • Gewalterfahrung und -phantasien
  • Auffälligkeiten im Rahmen ihrer sexuellen Entwicklung
  • dissoziale Bindungs- und Persönlichkeitsstörungen
  • Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens
  • Sozial belastende Körperkoordinationsstörungen
  • Sprachentwicklungsstörungen
  • Aktivität- und Aufmerksamkeitsstörungen, Enthemmung
  • Emotionale Konflikte im Zusammenhang mit überdurchschnittlicher intellektueller Begabung
  • Neurosen, psychotische Episoden und insbesondere narzisstische Persönlichkeitsstörungen
  • Traumafolgeerkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen
  • Suchterkrankungen ohne akuten Suchtdruck und Drogenkonsum
  • Ungezügelter Umgang mit Sozialen Medien bis hin zur Mediensucht

Die Mädchen werden von unseren pädagogischen und anderen geeigneten Fachkräften rund um die Uhr betreut. Sie waren häufig bereits in jungen Jahren erheblichen psychischen Belastungen und Traumatisierungen im Alltag und in Beziehungen ausgesetzt. Wie bereits oben erwähnt liegen sehr oft diagnostizierte psychiatrische Auffälligkeiten vor. Probleme im schulischen Bereich bis hin zu massiver Schulverweigerung werden ebenfalls häufig beschrieben. Daraus resultierend zeigen die Mädchen massive Verhaltensauffälligkeiten, da sie in der Regel bislang nur sehr wenig verbindliche Strukturen kennengelernt haben oder solche abwehren. Im pädagogischen Alltag der Gruppe bedeutet dies, dass zunächst und vor allem eine liebevolle und fürsorgliche Betreuung, aber auch ein grenzsetzendes und konsequentes Handeln erforderlich ist (Balance zwischen Nähe und Distanz). Es ist notwendig, dass die Mädchen in der Gruppe, in der Freizeit und bei allen Aktivitäten im sogenannten "Sozialraum" neue Erfahrungen machen, welche ihnen das möglichst oft reproduzierbare Gefühl von Kohärenz ermöglichen.

Themenzentrierte Angebote ergänzen das Angebot, um es den Mädchen zu ermöglichen, ein für sie positives - weibliches - Selbstbild zu entwickeln.

Wir nehmen Mädchen überregional aus allen Landkreisen der Bundesrepublik auf.

Ausschlusskriterien

Nicht aufgenommen werden Mädchen und junge Frauen, die akut suchtkrank sind oder aus anderen Gründen einer stationären Behandlung bedürfen oder bei denen eine geschlossene stationäre Wohnform geboten ist.

Nicht aufgenommen werden außerdem Mädchen, bei denen das Modul III - Clearing - nicht beauftragt wird, obwohl eine belastbare Dokumentation der Vorgeschichte nicht vorgelegt werden kann. Diese Einschränkung ist dem Umstand geschuldet, dass nach unserer Erfahrung die pädagogische Qualität unserer Arbeit durch unzureichende Übernahmeprozeduren in einer Weise behindert und gefährdet wird, die wir nicht mehr vertreten können.