Was ich bin, bin ich durch mich selbst

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Begrüßungsansprache zum Konzert von Zeling Shen am 12. Mai 2019

Herzlich willkommen und grüß Gott, sehr verehrte liebe Gäste, und heute im Besonderen alle Mütter unter Ihnen.

Erlauben Sie mir, vor Beginn des Konzerts eine Begebenheit aus dem Leben eines der gleich zur Aufführung kommenden Komponisten zu berichten, um Ihnen dadurch vielleicht eine Idee und Vorstellung davon zu geben, was denn unter diesem Dach passiert und geschieht, wenn nicht gerade Sonntag ist und kein Konzert stattfindet.

Rudolf von Österreich war Erzherzog von Österreich, Erzbischof von Olmütz und Kardinal aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Er war ein großer Freund und Förderer der Kunst und als solcher nicht nur ein Mäzen von Beethoven, sondern auch dessen Schüler, für einige Zeit sogar sein einziger.

Einmal verspätete sich der Erzherzog zum Unterricht. Auf seine Frage, warum Beethoven nicht gewartet habe, und dabei offensichtlich auf seinen Rang und seine Bedeutung hinweisend, antwortete jener: “Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich selbst. Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben, Beethoven gibt es nur einen.”

Was manch einer wohl für Eitelkeit und Arroganz halten mag, ist doch in jedem Falle aber ein Bewusstsein von der eigenen Identität und Unabhängigkeit, ein Bewusstsein des Strebens aus sich selbst heraus und des eigenen Vermögens.

Auch die hier im Hause von uns betreuten und begleiteten Kinder und Jugendlichen sind durch Zufall, oder nennen Sie es Schicksal, in die eine oder andere Familie und Lebenssituation hineingeboren. Was viele von ihnen dann in den wenigen Jahren ihres noch jungen Lebens erfahren haben, lässt sich beschreiben mit Vorenthaltung und Vernachlässigung, Überforderung und Entmutigung, in manchen Fällen gar mit Gewalt und Missbrauch - kurzum mit massiver Erschütterung und Verunsicherung. So dass nicht wenige schließlich von sich glauben und sagen: „Ich bin nichts. Ich kann nichts. Aus mir wird auch nichts werden.“

Wir aber sind fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein „Könner“ schlummert, vielleicht nicht auf dem Gebiete der Musik und vielleicht auch nicht vom Range eines Beethoven. Vielleicht aber doch?! 

So sind wir hier bestrebt, diesen jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu ermutigen und zu ermuntern, ihre ureigenen Talente und Begabungen zu entdecken, aus sich selbst heraus initiativ und tätig zu werden, um sich dadurch ihrer eigenen Identität bewusst zu werden.

Und es freut uns ganz besonders, dass immer wieder auch so junge Menschen, wie die heutige Pianistin - die ja kaum älter ist, als die hier bei uns lebenden Jugendlichen - uns im Rahmen der „Kultur im Rössle“ an ihrer Kunst teilhaben lassen und uns damit Facetten ihrer Identität offenbaren.

Wir danken Ihnen für Ihren Besuch und wünschen viel Freude und Vergnügen beim Konzert von Zeling Shen.


M. Hubert Schwizler 

Leitung  „Kultur im Rössle“ & „Kultur am Thurner"