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Abschlussjahrgang 2019

Erstellt von mhs | |   Schule

Sechs Jugendliche mit erfolgreichem Schulabschluss in einer Feierstunde verabschiedet

In einer würdigen Feierstunde wurden die Absolventen des Abschlussjahrganges 2019 in Anwesenheit ihrer Eltern und Familien vor den ganzen Hof- und Schulgemeinschaft mit der Übergabe der Zeugnisse verabschiedet. 

Mit ihrer jeweiligen Jahresleistung und den Ergebnissen in den mündlichen und schriftlichen Prüfungen wurde nach Begutachtung durch das Staatliche Schulamt Freiburg für jeden einzelnen Absolventen die Gleichwertigkeit mit dem staatlichen Schulabschluss bescheinigt. Besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung durch die Schulrätin erfuhren dabei die Themen und Leistungen in den so genannten themenorientierten Projektprüfungen.

In seiner Ansprache schlug der Schulleiter und Klassenlehrer einen Bogen von den Helden der griechischen Antike zu den Helden und Heldinnen unserer Tage:


Liebe Absolventen,

zum letzten Mal darf ich als Lehrer meine Rede an Euch richten. Da will jedes Wort wohl erwogen und gut ausgewählt sein, wie sonst vielleicht nur angesichts eines allerletzten Abschieds, des Todes.

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, …“


so - liebe Schüler, liebe Eltern, liebe Kollegen - beginnt der erste Gesang der Odyssee, jenes Versepos, das dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben wird und vermutlich sieben bis acht Hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden ist. 

Die Rede ist vom monumentalen Fundament der menschlicher Erzählkunst - von der Ilias und der Odyssee. Sie markieren zusammen den Beginn der europäischen Literaturgeschichte, ja, nichts weniger als den Beginn der Weltliteratur.

Am Anfang steht dabei ein großer Streit, ein gigantischer Streit, für den abendländischen Kulturkreis die Mutter aller Streitigkeiten. Es geht um Verrat und Liebe, es geht um Rache und göttliches Schicksal, es geht um List und Lust und um kurze Momente des Glücks. 

Während die Ilias den Kampf um die Stadt Troja schildert, welcher schließlich durch eine List des Königs Odysseus von Ithaka, eines der größten Helden der Antike, zu Gunsten der Griechen entschieden wurde, schildert die Odyssee dessen Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. 

Zehn Jahre lang sollte diese Heimkehr am Ende dauern, denn Odysseus hatte sich den Zorn des Gottes der Meere, des Gottes Poseidon, zugezogen. Er erlitt mit seiner Flotte Schiffbruch, dem einäugigen Riesen Polyphem hatte er ebenso zu widerstehen wie der verführerischen Nymphe Kalypso oder der Zauberin Kirke. Ja, er gelangte gar bis in die Unterwelt, in das Reich der Schatten, wo er seiner verstorbenen Mutter begegnete und ihm der blinde Seher Teiresias sein weiteres Schicksal vorhersagte. All seine Gefährten verlor er. Während sein Sohn Telemachos nach ihm suchte, galt er daheim in Ithaka lange als verschollen. Man hielt ihn für tot. Unzählige Freier warben in der Zwischenzeit um seine Frau Penelope, in der Hoffnung sich dadurch seiner Schätze bemächtigen und sein Hab und Gut verprassen zu können.

Während seiner Abenteuer zeichnete sich Odysseus vor allem durch seinen außergewöhnlichen Verstand und listige Ideen aus. Überleben und heimfinden konnte er letztlich aber nur durch die Kunst des Erzählens und mit Hilfe der Göttin Pallas Athene.

Seine Irrfahrt durch das Mittelmeer wurde zur sprichwörtlichen Odyssee. Auch heute trägt mancher menschliche Lebenslauf die Züge einer solchen Odyssee und gleicht somit einer Irrfahrt.

Da ich jüngst diese Geschichte wieder einmal zur Hand nahm, fragte ich mich anschließend: Was ist das eigentlich - ein Held? Was zeichnet ihn aus? Und gibt es diese heute noch?

Nun als Held gilt gemeinhin eine Person, die eine Heldentat vollbringt, also eine besondere, nicht alltägliche Leistung. Ihre heroischen Fähigkeiten sind nicht allein körperlicher Art - Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer usw. -, sie können auch geistiger Natur sein - Mut, Tugendhaftigkeit, Klugheit, Aufopferung für Mitmenschen und Ideale. 

Auch wenn viele der antiken Helden einen quasi göttlichen Status hatten, Halbgötter waren, also Nachfahren von Sterblichen und Göttern, sich durch Abstammung oder Vorzeichen ankündigten, konnte andererseits ein kommender Held zunächst auch ein nichtsnutziger junger Mann sein, der immer nur hinter dem Ofen lag. Dass ihm das Glück dabei immer zur Seite stand, war nicht nötig, in der Regel sogar eher ungewöhnlich. Dabei waren die Helden auch nicht immer tadellose Vorbilder, Schuld ist ihnen durchaus nicht fremd.

Viele Helden und Heldinnen in der Menschheitsgeschichte sind aber wohl unsichtbar und unerkannt geblieben, sind es noch heute und bleiben es wohl auch in der Zukunft. Und ja, sie gibt es auch heute, auch unter uns. Oft wirken sie im Stillen, im Verborgenen. Wer sie aber suchet, findet sie.

Ein berühmter englischer Dichter des viktorianischen Zeitalters, Alfred Lord Tennyson, ließ sich durch Homers Gesang zu einem Gedicht anregen, das den Titel „Ulysses“ trägt, also „Odysseus“. 

In ihm heißt es:………

„Tho' much is taken, much abides; and tho' 
We are not now that strength which in old days 
Moved earth and heaven, that which we are, we are; 
One equal temper of heroic hearts, 
Made weak by time and fate, but strong in will 
To strive, to seek, to find, and not to yield.“


Ins Deutsche übersetzt etwa so:

„Obwohl uns viel genommen ist, bleibt viel;
Sind wir auch länger nicht die Kraft,
die Erd‘ und Himmel einst bewegte,
so sind wir dennoch was wir sind;
Helden mit Herzen von gleichem Schlag,
geschwächt von Zeit
und von dem Schicksal;
doch stark im Willen
zu ringen, zu suchen, zu finden.
Und nie zu weichen.“


Damit ist zugleich jener Wunsch, jene Aufforderung und Ermutigung genannt, die ich Euch, liebe Absolventen, am heutigen Tage und zu diesem Anlass zurufen möchte, die ich Euch ins Herz legen möchte:

Seid stark im Willen!
Ringet! Suchet! Und findet!
Gebet nicht auf! Weichet nicht!
Werdet Helden!

 

Foto: Vier der sechs Absolventen (zwei Schülerinnen konnten leider nicht anwesend sein)

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