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Schulvermeidung - Schulverweigerung - Schulabbruch

Erstellt von pr/öa | |   Presse

Der schulische Leiter und Öffentlichkeitsbeauftragte der timeout Kinder- und Jugendhilfe im Interview über jugendliche Schulvermeider, Schulverweigerer und Schulabbrecher


Breitnau-Nessellachen, 19. September 2019

Die Zahlen zu den Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sind erschreckend hoch. Rund 15 Prozent der Schüler in Freiburg und über sieben Prozent im Hochschwarzwald und bundesweit schaffen den Hauptschulabschluss nicht. Über diese Thematik und über den Umgang mit Schulverweigerern sprach Thomas Biniossek mit Lehrer Hubert Schwizler von der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung timeout in Breitnau.

TB: Die Zahlen derjenigen, die ohne Abschluss die Schulen verlassen, sind hoch. Hat Sie das gefrustet, gewundert oder gar nicht gewundert?

Hubert Schwizler: Gewundert hat mich das nicht. Dass es jetzt Freiburg so getroffen hat und dass es in Freiburg eine so starke Zunahme an Schulabgängern ohne Schulabschluss gegeben hat, das hat mich dann doch etwas überrascht. Ich bezweifle allerdings, ob das nur auf die Zunahme der Zuwanderer, also auf die schulpflichtigen Asylbewerber zurückzuführen ist. Die Quote für Freiburg entspricht nun der aus einigen ostdeutschen Regionen, in der Uckermark, in Mecklenburg-Vorpommern und anderen, da sind wir also bei 10-15 Prozent. Das ist natürlich erschreckend.  

TB: Was führt dazu, so einen Abschluss nicht zu schaffen?

Schwizler: Also Gründe, Schule zu verweigern und abzubrechen, gibt es so viele, wie es Schulverweigerer gibt. Ich glaube nicht, dass es den typischen Schulverweigerer gibt. Bei dem einen sind es durchaus familiäre Erschütterungen, Verwerfungen, Vernachlässigung bis hin zu Gewalterfahrung und Missbrauch. Da fällt Schule natürlich als Erstes runter bei solchen massiven Lebenserschütterungen. Bei anderen ist es wirklich das Nicht-Zurechtkommen mit dem ungeheuren Anforderungsdruck und der Beschleunigung vom ersten Schultag an, welche dann oft psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben, die klassischen Bauchschmerzen.  
Eines ist ganz sicher: Alle Kinder, die zur Welt kommen, sind lernbegierig. Und das Allerwichtigste lernen sie meines Erachtens sowieso in den ersten drei Lebensjahren. Und wenn dann die Lernfreude in der Schule erlischt, ist irgendetwas passiert. Das sind entweder diese massiven, den Lebensnerv betreffenden Erschütterungen im familiären oder außerfamiliären Umfeld oder es sind die Anforderungen, die von außen über Elternhaus, Kindergarten, Schule und so weiter gestellt werden und die so erlebt werden, dass das Kind spürt: Das entspricht mir nicht, das entspricht nicht meinem Wesen. Es nimmt mir die Zeit, mich nach den Bedingungen meines Wesens und meiner Individualität zu entfalten.

TB: Was haben die Jugendlichen, die den Abschluss nicht schaffen, für eine Aussicht, teilzuhaben am gesellschaftlichen Leben?

Schwizler: Kaum eine, bzw. nur eine eingeschränkte. Das ist ja das Erschreckende, dass man eine Note, eine Schulnote, die sich dann auf Zehntel genau bestimmen lässt, darüber entscheiden lässt, ob einer zum Beispiel eine Ausbildungsstelle bekommt oder einen Platz in einer weiterführenden Schule. Das ist eigentlich traurig. Das ist aber auch genau das, worin sich viele junge Menschen nicht wiederfinden. Sie spüren: Das bin nicht ich; das hat mit mir doch gar nichts zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass sich darin zunehmend immer weniger wiederfinden, dass das also noch zunehmen wird. Und wenn man mit Schülern darüber spricht, die durchschauen das sofort, dass zum Beispiel eine Zwei im Zeugnis, in Mathematik, keinerlei Aussage darüber zulässt, ob der Kerl fleißig war oder faul. Beides ist möglich. Aber das sind doch genau die Dinge, die zum Beispiel einen künftigen Arbeitgeber interessieren würden. Wie kam der- oder diejenige zu der Leistung?  Hat er sich ungeheuer angestrengt oder wäre er eigentlich sogar ein Kandidat für eine Eins gewesen und hat sich mit weniger zufrieden gegeben. Wir sind deshalb im Gespräch mit mittelständischen Unternehmen in der Region um abzuklären, was für Möglichkeiten es gibt, junge Menschen auch ohne Schulabschluss in eine Berufsausbildung zu bringen. Also, wie kann man Qualifikations- und Kompetenznachweise anders gestalten als durch eine Note in einem Abschlusszeugnis.

TB: Bevor die Kinder zu Ihnen aufs Hofgut Rössle kommen, haben Sie einen langen schweren Weg durchlaufen. Wie genau ist der Ablauf, bevor sie hier landen?

Schwizler: Da gibt es ganz verschiedene Wege. Viele haben eine lange Zeit der Schulabstinenz hinter sich. Die einen sind zwar vielleicht noch zur Schule gegangen, haben sich dort aber verweigert oder gingen in eine Art innere Emigration. Es gibt aber auch welche, die sind tatsächlich lange gar nicht mehr zur Schule gegangen, sind stattdessen zu Hause geblieben oder haben sich in der Stadt herumgetrieben, den Vormittag auf einer Schaukel in einem Park verbracht. In der Regel ist es aber so, dass eine längerfristige Schulabstinenz früher oder später das Jugendamt auf den Plan ruft. Ich kann mich an einen Burschen erinnern, der ging nicht mehr in die Schule, und zwar eine ganze Weile nicht, und dann kam irgendwann der Stein ins Rollen. Die Schule rief beim Jugendamt an. Und dann stellte sich heraus, dass der knapp elfjährige Junge sagte, er müsse zu Hause bleiben, um die Mutter zu beschützen, weil sie immer wieder von den wechselnden Lebensgefährten verprügelt wurde. Da hatte er beschlossen, ich bleib jetzt zu Hause und beschütze meine Mutter. Das war für ihn Grund genug, zu Hause zu bleiben. Und ein guter Grund! Also in der Regel ist das Jugendamt bereits eingeschaltet, immer häufiger schon in der zweiten, ja in manchen Fällen gar in der dritten Generation. Tatsächlich gibt es Kinder und Jugendliche, da ist die dritte Generation schon im Fokus von Jugendamt und Behörden. In der Regel kommen die meisten durch die Vermittlung des Jugendamtes zu uns. Gelegentlich kommen Eltern auch direkt auf uns zu. Wir fordern sie dan auf, das Jugendamt einzuschalten, denn sie haben einen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung, auch finanzieller. Manchmal sind es Schulen, die den Kontakt zu uns suchen, mit der Frage, ob wir einem ihrer Schüler weiterhelfen können. Seltener noch kommen Jugendliche von sich aus auf uns zu und bitten darum, sie in Obhut zu nehmen, da es zu Hause nicht mehr geht. Aber auch das kam schon vor.
Häufig ist es so, dass es Kinder und Jugendliche sind, denen trotz bestehender Schulpflicht kein Platz mehr in einer Schule angeboten wurde. Das Verrückte ist ja, wir haben eine Schulpflicht und nicht nur eine Unterrichtspflicht wie in vielen Nachbarländern. Da kann ja Unterricht auch zu Hause stattfinden, in Norwegen zum Beispiel oder in Frankreich und Polen. Bei uns in Deutschland ist die Schule der Ort des Lernens, und nur die Schule. Mit Androhung von Polizei und Bußgeld! Wir haben also eine Schulpflicht und gleichzeitig leistet es sich der Staat, der diese Schulpflicht formuliert, dass es Schulen möglich ist zu sagen: "Hier kannst du nicht bleiben". So wird der- oder diejenige dann durchgereicht und am Ende wird ihm nicht einmal mehr an der Sonderschule ein Platz gegeben, aber die Schulpflicht besteht weiter. Also völlig widersinnig. Und dann landen sie unter Umständen in Einrichtungen wie der unseren.

TB: Was haben Ihre Schüler denn für Schicksale?

Schwizler: Das Spektrum ist riesig. Wir haben die Hälfte der Plätze für das ganze Bundesgebiet, die andere Hälfte für den Landkreis. Also ich kann mich an einen aus M. erinnern aus einer wohlsituierten Familie. Da hatte man nicht den Eindruck, dass er irgendwie familiär vernachlässigt worden wäre, überhaupt nicht. Da lagen die Probleme wohl eher in einer nicht erkannten und entsprechend unberücksichtigten Hochbegabung. Aber wir haben auch Fälle, die nicht weit von dem Staufener Missbrauchsfall entfernt sind. Also bei den Mädchen würde ich mal sagen, sind es weit über die Hälfte, die sexuellen Missbrauch oder Nötigung erlebt haben oder doch ein starker Verdacht dahingehend besteht. In manchen Fällen ist das auch erst durch das Hiersein, durch einen Ort und durch Menschen, die einfühlsam zuhören und Vertrauen schenken, ans Tageslicht gekommen. Und wir haben dann die notwendige Hilfe angeboten bis hin zur juristischen, sodass es dann zu Gerichtsverfahren und Verurteilungen gekommen ist. Das Spektrum reicht von der weitgehenden Vernachlässigung, von Gewalt- und Missbrauchserfahrung bis hin zu Mobbing- und Stresssituationen in der Schule. Natürlich führten in manchen Fällen auch Drogen und Rauschmittel dazu, warum es in der Schule nicht mehr funktioniert hat und derjenige aus der Bahn geraten ist. Bis hin zur Smartphone-Sucht, die ja offiziell noch gar nicht als Sucht definiert ist. Wir haben hier im Haus eine bestimmte Regelung, was die Nutzung von Smartphones angeht. Wir hatten einen Schüler, wenn man versuchte, dem das Smartphone vorübergehend abzunehmen, begann er alles kurz und klein zu schlagen.  
Das reicht weiter bis hin zu Jugendlichen, die einen ganz anderen Lebensrhythmus haben als der dem Menschen biologisch angemessene, einen Rhythmus, der sich nicht nach dem Lauf von Sonne und Mond richtet, nach Tag und Nacht.

TB: Einerseits haben Sie hier als Schule die Aufgabe, die Kinder zu erziehen, andererseits aber auch, Wissen zu vermitteln. Wie funktioniert das bei Ihnen?

Schwizler: Ich staune selbst immer wieder, wie das alles hier funktioniert. Es ist gut, dass wir uns hier einen Raum geschaffen haben, in dem wir so arbeiten können, mit Wissen und Anerkennung des Schulamtes und der Behörden. Ein inzwischen junger Heranwachsender wurde uns mit neun Jahren übergeben, aus H. kommend, und das Jugendamt sagte dann, der bleibt bei ihnen, bis er volljährig ist. Kein Weg zurück nach Hause. Völlig ausgeschlossen, komme, was da wolle. Und wir haben wirklich alles versucht, wirklich alles, diesen Jungen für das zu gewinnen, was man sich unter einem klassischen Schulunterricht vorstellt. Der hat in der zweiten Klasse der Lehrerin so lange ans Schienbein getreten, bis die weg war. Dann kam die nächste, der er wieder ans Schienbein getreten hat, wirklich, sodass die Schule im zweiten Halbjahr gesagt hat: Schluss, aus, vorbei! Der ist nicht beschulbar! Seitdem ging er nicht mehr in die Schule. Wir haben versucht, ihn hier wieder einzubinden in Unterrichtssituationen, in Kleinstgruppen, im Einzelunterricht. Wir haben in Kooperation mit einer örtlichen Grundschule versucht, ihn dort wieder zu beschulen. Es dauerte eher Tage denn Wochen dann hat er das alles wieder abgelehnt. Aber der Kerl kann ganz viel und lernt ganz viel an den zahlreichen außerunterrichtlichen Lernorten, die wir hier auf dem Hofgut Rössle haben, im Stall, im Umgang mit den Tieren, in den Werkstätten, in Küche und Hauswirtschaft, in Land- und Forstwirtschaft. Der baut ihnen zum Beispiel ohne Anleitung aus Legosteinen eine funktionstüchtige Armprothese mit hydraulischer Greiffunktion. Oder er repariert einen Wäschetrockner, der von uns schon zur Entsorgung vorgesehen war. Vor den Sommerferien da überraschte er uns mit dem Wunsch, nach den Ferien mit dem Lehrer täglich das Rechnen, Schreiben und Lesen üben zu wollen, um in absehbarer Zeit dann doch wieder regelmäßig den Unterrichtsbesuch in einer Schulklasse aufzunehmen. Und tatsächlich - seit Beginn des neuen Schuljahres kommt er jetzt jeden Morgen aus freiem ureigenem Entschluss für zwanzig Minuten, noch vor dem Unterricht der anderen Schüler, zu mir und wir üben zusammen. Nun wir werden sehen, wohin das noch führt.
Wir verstehen uns als Ort, wo das Lernen nicht nur an den Unterrichtsraum gekoppelt ist. Das ist ja der gedankliche Kurzschluss einer Schulpflicht: Die Schule ist der Ort des Lernens. Außerhalb der Schule lernt man nichts. Also geht man in die Schule.
Wenn ich ein Beispiel nennen darf: Ein junger Bursche im 15. Lebensjahr kommt zu uns, ist jetzt eineinhalb Jahre bei uns, auch mit einer gewissen Suchtproblematik. Nach Ablauf der obligatorischen Dreimonatsfrist zur Akklimatisation, in der die Jugendlichen bei uns gar nicht am Unterricht teilnehmen dürfen, wollte er von einer Unterrichtsteilnahme noch nichts wissen. Dann bekam er einen Einzelförderunterricht, zwei Mal die Woche eine Stunde, das ging sehr gut. Er hat sich dort eine Präsentation erarbeitet zum Thema „Skateboardfahren und das menschliche Gleichgewichtsorgan“ und diese der ganzen Hofgemeinschaft eindrucksvoll vorgestellt. Eine solche Präsentation ist dann eigentlich die "Eintrittskarte" für die Unterrichtsteilnahme in unserer hofeigenen Schulklasse. Er hat dann auch eine Woche lang bei mir im Unterricht in der Klasse ohne Probleme teilgenommen, gut mitgearbeitet, die Inhalte aufgenommen, sich engagiert. Und dann kam er nach fünf Tagen und sagte, ich brauche noch einmal eine Auszeit. Ich sagte, gut, das machen wir, aber es muss eine Alternative zum Unterrichtsbesuch geben. Was machst du stattdessen?
Ich weiß nicht woher, aber er hat eine besondere Liebe zu den Pflanzen. Also schlug er vor, stattdessen ein Gemüsebeet anzulegen und dieses zu pflegen. Er fing mit einem Quadratmeter an, inzwischen ist es ein Ar, das er bepflanzt. Die Früchte seiner Arbeit werden bei uns in der Küche verarbeitet. Sie können sich nicht vorstellen, mit welcher Freude und Hingabe er sich diesem Projekt verschrieben hat. Drei der fünf Unterrichtstage arbeitete er in seinem Beet, einen Tag ging er in der Bibliothek und machte sich kundig über Gemüsesorten und Anbauarten und dokumentierte seine Arbeit. Und am fünften Tag war er in der Küche und verarbeitete seine Produkte in der Zubereitung des Mittagessens für alle Hofbewohner. Das hat er ein Dreivierteljahr lang gemacht, dann kam er drei Wochen vor den Sommerferien und stieg wieder in den Unterricht ein. Im neuen Schuljahr wird er wohl seinen Hauptschulabschluss machen. Er hat in diesem knappen Jahr außerhalb des Schulzimmers viel mehr gelernt an lebenspraktischen Dingen, als dies im Unterrichtszimmer je möglich gewesen wäre, und sich dabei beeindruckende Kenntnisse und ein großes Wissen angeeignet.

TB: Sind Sie nicht hin und wieder gefrustet?

Schwizler: Dann würde ich hier nicht sitzen. Wenn überhaupt, bin ich eher mal und nur vorübergehend wegen der Mitarbeiter (und diese ganz bestimmt auch meinetwegen!) gefrustet, aber nicht wegen der Kinder und der Jugendlichen. Erschütternd ist Folgendes: Viele die hierherkommen, die glauben ganz fest: Ich bin nichts! Ich kann nichts! Aus mir wird auch nichts! Das ist wie eingraviert in jenes Bild, das sie von sich selbst haben.
Sie davon allmählich zu befreien, dass sie erleben können, ich kann ja doch etwas, macht das Hiersein und unsere Arbeit aus. Dass die Kinder und Jugendlichen sehen: Ich kann etwas. Ich bin ein Könner und ich kann das erweitern, auch fern von der Schule. Das zu erleben, ist wichtig - und sei es zum Beispiel beim Dienst in der Küche, bei der gemeinsamen Zubereitung der Mahlzeiten. Das sind junge Menschen, die mitunter ja aus prekären Situationen kommen, aus Familien, in denen nicht einmal mehr gemeinsame Mahlzeiten stattfinden, geschweige denn überhaupt noch gekocht (also nicht nur warmgemacht) wird.  
Wir schreiben hier aber nicht nur das, was jeder auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte nennen würde. Es ist ja schon schwer zu definieren, was Erfolg in der Kinder- und Jugendhilfe überhaupt ist. Erfolg kann ja schon sein, dass jemand morgens wieder aufsteht und nicht liegen bleibt bis mittags 12 Uhr, dass jemand Körperhygiene an sich zulässt. Das muss man sich mal klarmachen: Die Vernachlässigung des eigenen Körpers als massiver Ausdruck des Sich-selbst-Infragestellens, also des eigenen Wertes. Man ist es sich selbst gar nicht mehr wert, zum Beispiel darauf zu achten, dass man nicht stinkt. Da ist es ja schon ein Erfolg, wenn wir es schaffen, dass jemand wieder auf die Körperpflege achtet. Bei vielen geht es also um ganz basale Dinge: Um Vertrauen in das eigene Leben; Vertrauen in den eigenen Körper; Vertrauen in das eigene Vermögen; Vertrauen in Menschen, die mich nicht enttäuschen, die mich nicht verurteilen und die mir auf Augenhöhe begegnen. Viele sind hier bei uns, weil ihnen überlebenswichtige Dinge vorenthalten wurden: Zeit, Zuneigung, Zuwendung, Zugehörigkeit. Wenn es um so ganz Basales geht, da ist eine Schulpflicht für mich nachgeordnet.

TB: Wie ist das Gefühl, wenn Schüler hier doch einen Abschluss geschafft haben?

Schwizler: Viele von ihnen sind natürlich ganz stolz, und das kann ich gut verstehen. Auch vielen Eltern fällt ein Stein vom Herzen. Andere nehmen hingegen kaum oder gar keine Notiz davon, kommen dann nicht einmal zur Schulabschlussfeier und Zeugnisübergabe.

TB: Und Sie als Pädagoge sind natürlich auch stolz?

Schwizler: Nein! Stolz kann man meines Erachtens nur auf eine eigene Leistung sein. Ich habe als junger Mensch mal davon geträumt, irgendwann stehe ich auf dem Mount Everest. Ich habe es dann nur bis knapp unterhalb des Basislagers geschafft. Ich war trotzdem ein wenig stolz. Aber auf eine eigene Leistung. Wenn mein Sohn es nun auf den Mount Everest ganz nach oben schaffen würde, könnte ich darauf nicht stolz sein (tatsächlich kam er dem Gipfel näher als ich). Es wäre ja nicht mein Verdienst, nicht meine Leistung. Außerdem halte ich persönlich Stolz grundsätzlich nicht für eine menschliche Tugend.

TB: Gab es hier für Sie ein ganz besonderes Erlebnis?

Schwizler: Viele besondere Erlebnisse! Um nur eines zu nennen: Wir hatten hier eine Anfrage für einen jungen Menschen aus K., einen Transgender. Einen solchen hatten wir bis dato noch nicht bei uns. Wir haben uns also gefragt, was braucht es denn, um den bei uns aufnehmen zu können. Wir haben hier eine Jungen- und eine Mädchengruppe, einen Jungen- und einen Mädchenflur. Da fängt es schon an, was machen wir jetzt? Wie gehen wir damit um und wie schaffen wir das? Wir hatten ein Zimmer, das eigentlich für FSJ‘ler und Praktikanten vorgesehen war, das wurde dann das Zimmer für diesen jungen Menschen, mit eigenem Badezimmer und eigener Toilette.
Als Mädchen geboren hat er sich aber entschieden: ich möchte ein Junge sein. Hier im Haus hat er zum allerersten Mal Menschen gefunden, die das akzeptiert und nicht in Frage gestellt haben. Wir haben ihn mit seinem selbstgewählten Jungennamen angesprochen. In der vorangegangenen Schule hatte man ihm das verweigert. Im Elternhaus hatte man ihm verweigert, das anzuerkennen und ihn in seiner Identität ernst zu nehmen. Er war außerdem ein recht fleißiger Schüler und hat einen guten Abschluss hier gemacht. Jeder Jugendliche darf früher oder später einem neugeborenen Kalb auf unseren Hof einen Namen geben. Als nun die Reihe an ihm war, ließ er uns gleich wissen, dass er es nicht dulden würde, wenn dieses Tier einmal geschlachtet und zu Wurst und Fleisch verarbeitet werden würde. Er fragte, ob er es nicht kaufen könne, verhandelte über den Preis und als er schließlich von uns mit dem Hauptschulabschluss verabschiedet wurde und auszog, nahm er dann sein Kalb mit. Inzwischen macht er eine landwirtschaftliche Ausbildung und kümmert sich noch immer um sein Kalb.
Das war eine der größten Bereicherungen meines Berufslebens: Zu erkennen und zu erleben, dass nicht das Geschlecht im Vordergrund steht einer menschlichen Begegnung, welches sich ja gerne nach vorne drängt und einen gleich zur einen oder anderen Hälfte der Menschheit zählt, sondern der Mensch in seinem Sosein und mit seiner ganz eigenen Identität.
Dieser junge Mensch ermöglichte mir, meine eigenen Vorurteile zu erkennen und zu überwinden. Ich durfte bei ihm und durch ihn etwas ganz Wichtiges lernen. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch dafür, dass er hier von den anderen Jugendlichen eine große Akzeptanz und eindrucksvolle Solidarität erleben durfte.


Hubert Schwizler studierte an der Pädagogischen Hochschule Freiburg; nach dem 1.Staatsexamen absolvierte er eine Ausbildung zum Waldorfschullehrer und unterrichtete dann 20 Jahre lang an der Freien Waldorfschule Freiburg-Wiehre. 2002 war er eines der Gründungsmitglieder der Jugendhilfe Timeout e.V. und kam schließlich 2012 als Lehrer und Schulleiter auf das Hofgut Rössle in Breitnau, wo er auch wohnt. Der 55-jährige Pädagoge unterrichtet die Schulaussteiger in nahezu allen Fächern. Der Breitnauer ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Er ist der Öffentlichkeitsbeauftragte von timeout und verantwortet die „Kultur im Rössle“ und „Kultur am Thurner“.

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