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"Der-Lehrer-putzt-Dir-die-Schuhe-Tag" 2019

Erstellt von mhs | |   Schule

Auch in diesem Jahr wird unser Lehrer im Hofgut Rössle den Schülerinnen und Schülern sowie den Kolleginnen und Kollegen am Vortag von Nikolaus wieder die Schuhe putzen.


Seit Jahren ist es Tradition, dass unser Lehrer im Hofgut Rössle am Vortag vor Nikolaus allen Schülern und Mitarbeitern die Schuhe putzt. Auf manche Kinder und Jugendliche wirkt dies geradezu "ansteckend". Denn jedes Jahr gibt es einige, die fragen, ob sie auch ein Paar Schuhe putzen dürfen - und hinterher staunen: "Die sehen ja wieder aus wie neu!“ - (Man erzählt sich gar, dass solcher Art geputzte Schuhe in der folgenden Nacht mit einer besonderen Füllung rechnen dürfen ……!)

Unter den Meistersängern und Mystikern, die dem Geheimnis des Menschseins auf der Spur waren, gab es immer schon Menschen, die sich besonders den Füßen und Fußkleidern der Menschen widmeten - die Schumacher Hans Sachs (1494 - 1576) und Jakob Böhme (1575 - 1624) zum Beispiel oder der Dichter Christian Morgenstern (in: Die Fußwaschung, 1914).

Auch in den wunderbaren Erzählungen Lew Tolstois sind es häufig Schuster, die sich als besonders barmherzig erweisen und durch ihre Tätigkeit wesentliche Erkenntnisse über den Menschen gewinnen.

Nicht zuletzt war die Fußwaschung als rituelle Handlung im Orient ein Symbol für Gastfreundschaft. Noch heute ist sie ein wesentlicher Bestandteil in der christlichen Liturgie, welcher zurückgeht auf die Salbung in Bethanien durch Maria Magdalena und die Fußwaschung der Jünger durch Christus beim letzten Abendmahl.

"Wenn ich Dich nicht wasche, so hast Du kein Teil an mir." - Joh 13,8

Neben dem Sprechen und Denken ist es das aufrechte Gehen, welches den Menschen in besonderer Weise auszeichnet. Hände und Arme sind vom Tragedienst befreit und können somit Welt gestalten, zum Wohl oder Wehe der Menschen in Freiheit wirken. Dies ist jedoch nur möglich, indem die Beine und Füße sich "opfern" und uns ein Leben lang durch die Welt tragen, immerzu unserem Schicksal entgegen. Unseren Entschlüssen folgend tragen sie uns dort hin, wo uns dieses oder jenes Gute oder Schlimme widerfährt, wo dieses oder jenes Gute oder Schlimme von uns selbst vollbracht wird.

In der Regel bringen wir unseren Füßen allerdings nur eine geringe Aufmerksamkeit entgegen und pflegen sie weniger als unsere Hände. Ihr Tragedienst entzieht sich auch stärker unserem Bewusstsein als die Tätigkeit und Regsamkeit unserer Hände, findet er doch in einer Region statt, die zumeist außerhalb unseres Blickfeldes liegt. Die menschliche Hand ist letztlich nur zu verstehen in der Zusammenschau mit den Werken, die sie hervorbringt, mit den Taten, die sie vollbringt. Sie ist ein Organ der Freiheit. Sie (ver-)dankt dies dem Fuße.

Fußkleider sind heute in der Mehrzahl billigste Massenware. Eine Pflege und Wertschätzung findet kaum noch statt; bei Verschleiß erfolgt umgehend "Entsorgung". Eine (demütige) Auseinandersetzung mit dem eigenen LebensLAUF (!), wie diese sich in meditativer Schuhpflege durchaus einzustellen vermag, bleibt aus.

In der bewussten Zuwendung zu unseren Füßen - in einem wärmenden Fußbad zum Beispiel oder im Reinigen des Fußkleides (= der Schuhe) - mag daher etwas von jener rituellen und kultischen Kraft aufleben und wirken, welche zur Versöhnung mit dem eigenen Schicksal beizutragen vermag und zum Ausdruck bringt den Dank für unsere Freiheit, für unser Menschsein. - Man wendet sich dem Niedrigsten und Tiefsten zu, um es zu erhöhen, um es zu erlösen.

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