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Verabschiedung der Schulabgänger

Erstellt von mhs | |   Schule

Acht ehemalige "Schulverweigerer" erreichen den Hauptschulabschluss

Unter Einhaltung der notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen konnten wir heute im Festsaal des Hofgut Rössle den Schulabgängerinnen und Schulabgängern in Anwesenheit ihrer Eltern und Geschwister die Abschlusszeugnisse feierlich überreichen.

Ansprache zur feierlichen Verabschiedung der Schulabgänger

Herzlich willkommen und grüß Gott, sehr verehrte liebe Gäste, und heute im Besonderen alle Großeltern, Eltern und Geschwister unter Ihnen.

In diesem Jahr erinnert man sich in besonderer Weise des Geburtstages eines der bedeutendsten Komponisten der Menschheitsgeschichte. Im Dezember 1770 wurde er in Bonn geboren, also vor 250 Jahren. Sein Name war Ludwig van Beethoven. Zu Beginn seiner musikalischen Laufbahn war er ein begnadeter Klaviervirtuose.

Überall auf der Welt waren für dieses Jubiläumsjahr Konzerte mit seinen Werken angekündigt. Orchester und Musiker auf allen Kontinenten und rund um den Erdball hatten dafür lange geprobt. Seine Werke sollten in diesem Jahr nahezu ununterbrochen die Lufthülle der Erde durchklingen - übrigens auch hier in diesem Saal bei „Kultur im Rössle“ auf den Nessellachen. Und es kam doch ganz anders: Die allermeisten Konzerte fielen der Corona-Pandemie zum Opfer, blieben also ungespielt und ungehört. Stille im großen Klangäther der Erde!

Was für ein „Zufall“ angesichts des Schicksales, das Beethoven selbst ereilte: Denn bereits mit 31 Jahren ist er praktisch taub, noch bevor er die meisten seiner bahnbrechenden Werke komponiert und mit ihnen Musikgeschichte geschrieben hatte. Er war dadurch gezwungen seine Karriere als konzertierender Pianist aufzugeben und sich nun mehr auf das Komponieren zu konzentrieren.
Aber: Ein tauber Komponist? Wie ist so etwas möglich? Auch wenn er kaum noch etwas hören konnte und ihm die Kommunikation mit den Menschen in der Folge schwerfiel, so war ihm doch innerlich die Welt voller Klang und Musik.

Er komponierte nicht für seine Zeitgenossen, sondern für kommende Generationen. Immer wieder feilte er an seinen Werken, überarbeitete und korrigierte die Partituren bis spät in die Nacht. Für die Nachwelt zu schreiben, das ist ihm gelungen: Beethoven gehört heute weltweit zu den meist gespielten Komponisten. Er war einer der ganz wenigen seiner Zeit, der von seinen Werken gut leben konnte, nicht zuletzt durch Auftragskompositionen für bedeutende und einflussreiche Zeitgenossen. Er schuf und hinterließ der Menschheit damit ein gigantisches Werk von zeitloser Schönheit und Bedeutung.

Als er in seinem 57. Lebensjahr in Wien verstarb sollen über 20.000 Menschen am Trauerzug zum Friedhof teilgenommen haben. Und seine Popularität ist bis auf den heutigen Tag ungebrochen.
Aufbrausend, jähzornig, griesgrämig - das ist das gängige Bild von Ludwig van Beethoven, dem Komponisten mit der wilden Löwenmähne. Doch es gibt auch einen anderen Beethoven - jung, sprühend vor Witz und Temperament, lebenslustig und vor allen Dingen leidenschaftlich, kämpferisch und idealistisch.

Sein Vater erkannte früh die außerordentliche Begabung des Sohnes und sorgte für eine solide musikalische Ausbildung. Allerdings sind auch zahlreiche gewalttätige Übergriffe auf seinen Sohn überliefert. Im Alter von sieben Jahren trat Ludwig van Beethoven zum ersten Mal öffentlich als Pianist auf. Im Alter von nur 12 Jahren erhielt er seine erste Anstellung als Musiker, als Organist. Als er 16 Jahre alt war, verstarb seine Mutter. Daraufhin verlor sein Vater die Kontrolle über sein Leben und verfiel vollends dem Alkohol, dem er auch davor schon sehr zugeneigt war. Sohn Ludwig bekam die Fürsorge für seine jüngeren Geschwister übertragen und erhielt dafür die Hälfte des Gehalts seines Vaters ausbezahlt.

Ein großer Freund und Förderer der Kunst zur Zeit Beethovens war Rudolf von Österreich. Dieser war ein Erzherzog, Erzbischof und Kardinal aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Als solcher war er nicht nur ein Mäzen und Gönner von Beethoven, sondern auch dessen Schüler, für einige Zeit sogar sein einziger. Einmal verspätete sich der Erzherzog zum Unterricht. Auf seine Frage, warum Beethoven nicht gewartet habe, und dabei offensichtlich auf seinen Rang und seine Bedeutung hinweisend, antwortete jener: “Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich selbst. Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben, Beethoven gibt es nur einen.”

Was manch einer wohl für Eitelkeit und Arroganz halten mag, ist doch in jedem Falle aber ein Bewusstsein von der eigenen Identität und Unabhängigkeit, ein Bewusstsein des Strebens aus sich selbst heraus und des eigenen Vermögens.

Auch die hier im Hause von uns betreuten und begleiteten Kinder und Jugendlichen sind durch Zufall, oder nennen Sie es Schicksal, in die eine oder andere Familie und Lebenssituation hineingeboren. Was viele von ihnen dann in den wenigen Jahren ihres noch jungen Lebens erfahren haben, lässt sich zum Teil beschreiben mit Vorenthaltung und Vernachlässigung, Überforderung und Entmutigung, in manchen Fällen gar mit Gewalt und Missbrauch - kurzum mit massiver Erschütterung und Verunsicherung. So dass nicht wenige schließlich von sich glaubten und sagten: „Ich bin nichts. Ich kann nichts. Aus mir wird auch nichts werden.“

Wir aber sind fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen ein „Könner“ schlummert, vielleicht nicht auf dem Gebiete der Musik und vielleicht auch nicht vom Range eines Beethoven. Vielleicht aber doch?!  
Wir waren bestrebt, diesen jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu ermutigen und zu ermuntern, ihre ureigenen Talente und Begabungen zu entdecken, aus sich selbst heraus initiativ und tätig zu werden, um sich dadurch ihrer eigenen Identität bewusst zu werden.

Liebe Schülerinnen, liebe Schüler,
nun entlassen wir Euch mit sorgender Seele in das Leben. Möget Ihr in guter Erinnerung behalten, was Ihr hier gehört, empfunden und gedacht habt. Möget Ihr der Wichtigkeit dieses Augenblickes in Eurem Leben gedenken, dann, wenn Zweifel und Anfechtungen Euren Weg kreuzen und diesen in Frage stellen. Dies wird ja nicht ausbleiben. Dann möge Euch aus der Erinnerung an die Zeit hier auf dem Hof Kraft, Zuversicht und Vertrauen zuströmen und Euch ein Bewusstsein dämmern von der eigenen Identität, vom eigenen Vermögen, von der eigenen Könnerschaft - und davon, dass Ihr jemand seid durch Euch selbst, aus Euch selbst, - dass Ihr einmalig seid.

M. Hubert Schwizler – schulische Leitung

Foto: Hubert Schwizler
Foto: Hubert Schwizler
Foto: Hubert Schwizler
Foto: Hubert Schwizler
Foto: Hubert Schwizler
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